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Wretched

Storie von: arne, am 10.06.2014 ]

Mit Vermögen und Kreativität haben sich WRETCHED kontinuierlich entwickelt und zu einer durchschlagskräftigen, hörenswerten Death-Kapelle gemausert. „Cannibal“ heißt der vorläufige Höhepunkt und gewichtige Beleg einer amtlichen Karriere im Extrem-Metal.

 
Das Spiel des Quintetts aus Charlotte, North Carolina ist primär im technischen Brutalo-Death anzusiedeln, doch Ausflüge in Richtung Thrash sind ebenfalls immer wieder zu verzeichnen. Vor düsteren Ambient-Soundscapes und unkonventionellen Rhythmen schreckt die Victory-Kombo ebenfalls nicht zurück. Die Band punktet mit einem reifen, verspielten Metal, der Rücksichtslosigkeit, Handwerk und Songdienlichkeit in einem spannenden Mischungsverhältnis zusammen bringt, was Genre-Hörern nicht verborgen bleibt:

„Bislang haben wir zwei Stücke von „Cannibal“ sowie einige Studio-Clips veröffentlicht, um einen Eindruck davon zu vermitteln, in welche Richtung es auf der neuen Platte geht. Sowohl unsere alten als auch neuere Fans haben die Entwicklung fast durchweg positiv aufgenommen, wenn ich nach dem Feedback gehe, das an mich heran getragen wird“, erzählt Gitarrist Joel Moore voller Stolz. „Natürlich gibt es immer Leute, denen jegliche Entwicklung gegen den Strich geht oder die etwas anderes erwartet haben. Doch deren Anzahl ist überschaubar klein, was mich freut. Die Mehrheit der Hörer ist bereit, mit uns zu reifen und die Weiterentwicklung mitzugehen. Wir sind stolz auf alle Songs, die wir bis heute geschrieben und veröffentlicht haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns wiederholen müssen oder puristisch an einem Stil festhalten. Mit jedem Album versuchen wir, unsere Stärken und Schwächen besser zu verstehen und dadurch als Musiker und Songwriter im Arbeitsprozess besser zu werden. Wenn man weiß, was man tut oder verändern muss, kann man zielgerichtet arbeiten und das umsetzen, was man im Sinn hat.“ Von den eigenen Qualitäten sind WRETCHED überzeugt. Für Zweifel bleibt nicht viel Platz:

„Natürlich ist immer auch ein wenig Unsicherheit oder sogar etwas Angst mit im Spiel, wenn die Veröffentlichung eines Albums bevor steht. Die Wartezeit zwischen der Beendigung der Arbeit und dem Feedback der Musik-Industrie, Journalisten und später auch der Fans kann belastend sein. Wirklich sorgen tun wir uns aber nicht. Ich möchte es mit der Vorfreude eines Kindes vergleichen, das darauf wartet, seine Weihnachtsgeschenke auszupacken. Es kann alles sein, nur weiß man es vorher nicht, was. Ist es eine Puppe, ein ferngesteuertes Auto oder vielleicht nur ein Paar Socken? Ganz egal, wie es kommt, sind wir dankbar dafür, Songs schreiben und veröffentlichen zu können. „Cannibal“ ist unser Geschenk.“ Spannend dürfte zudem sein, wie das Spiel des Fünfers bei den Leuten ankommt. Wurden WRETCHED früher noch verstärkt im MetalCore- und Deathcore-Lager verortet, geht es seit Jahren immer konsequenter in Richtung Extrem-Metal:

„Wenn ich das Feedback auf unsere drei Alben rekapituliere, zieht sich durch die Rezeption der Umstand, dass sich unsere Hörer nicht einig sind, welchem Genre wir zuzuordnen sind“, erwidert Joel Moore. „Das gefällt mir. Einzelne Sub-Genres referenzieren auf einen typischen Sound, der manche Musiker dazu veranlasst, sich zurück zu halten, um diesem Genre tatsächlich zu entsprechen. Wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir tun dürfen und was nicht. Wir spielen Metal, Punkt. Dieses Sub-Genre ist uns genug. Bei uns kommen die unterschiedlichsten Einflüsse zusammen. Wir wollen und müssen uns im kreativen Bereich nicht beschränken, sondern genießen alle Freiheiten. Das wird umso deutlicher, je größer der Zeitraum ist, den man betrachtet. Im Zeitverlauf ändern sich Einflüsse und Vorlieben. Die neuen Einflüsse verbinden sich mit dem musikalischen Vermögen, das man sich bis dahin angeeignet hat. Etwas Neues entsteht, das eine Verbindung zur eigenen Vergangenheit aufweist. „Cannibal“ fällt genau so aus, wie wir WRETCHED gegenwärtig repräsentiert sehen wollen. In ein oder zwei Jahren mag das schon wieder anders aussehen. Doch wenn sich unsere Möglichkeiten und Ansprüche verändern, wird sich das auf unserem nächsten Album widerspiegeln.“

Für Joel Moore ist die beständige Entwicklung des eigenen Sounds nur konsequent, denn er und


seine Mitstreiter wollen aus dem Schatten ihrer Wegbereiter treten: „Ich persönlich schätze Bands, die daran arbeiten, die Grenzen des Heavy Metal auszuloten und dabei ohne Rücksicht auf bestimmte Sub-Stile vorgehen. Dabei ist es unerheblich, ob wir von alten oder neuen Bands sprechen. Gruppen wie Rush, King Crimson, Yes, Slayer, Death, Decapitated, Behemoth, etc. – sie alle sind geübte Techniker, doch – noch wichtiger – sie sind großartige Songwriter, die über die Fähigkeit verfügen, mit ihren Stücken Stimmungen aufzubauen und Geschichten zu erzählen. Ein solcher Anspruch bestimmt auch unser Songwriting. Bands wie Fallujah oder Rivers Of Nihil knüpfen ebenfalls an diese Tradition an, so dass wir uns bei ihnen in guter Gesellschaft fühlen.“ Phasenweise ist „Cannibal“ als fordernd und stark technisch zu charakterisieren, jedoch stets eingebettet in einen nachvollziehbaren Kontext:

„In den richtigen Händen kann Technik ein wirkungsvolles Instrument sein. Doch ein extrem technischer Song ohne Sinn für Struktur ist für mich genauso appetitlich wie Butter ohne Brot, um sie darauf zu streichen“, äußert der Gitarrist. „Es gibt viele Gruppen, die für sich eine Mittelposition zwischen verrücktem Shredding und nachvollziehbaren Song-Arrangements gefunden haben. Für uns erfährt die Struktur ganz klar die oberste Priorität. Diese Sichtweise hat sich bei uns mit der Zeit eingestellt. In der extremen Musik hängt die Messlatte dank vieler unglaublicher Individualisten enorm hoch. Zu Beginn war es uns auch daran gelegen, möglichst viele Noten in möglichst kurzer Zeit zu schaffen. Es war uns egal, ob ein „Song“ dabei heraus gekommen ist, der Sinn machte oder nicht. Von dieser Startphase profitieren wir heute, denn wir wissen nun, dass die Architektur genauso wichtig ist wie die Technik.“ An Anschauungsmaterial und Inspiration mangelt es WRETCHED nicht. Die aufgeschlossenen Musiker haben ihr eigenes Rezept gefunden, sich aufs Songwriting vorzubereiten:

„Wir fünf haben unterschiedliche Interessen und Geschmäcker. Im Kontext der Band bzw. des Songwritings überlappt sich das“, so Joel Moore. „Auf langen Fahrten im Van hören wir die verschiedensten Sachen, die dann in unseren Köpfen herum schwirren. In der einen Minute läuft Radiohead, in der nächsten Converge und daran schließt sich Gypsy-Swing aus den 1930er Jahren an. Selbst indischer und elektronischer Musik können wir etwas abgewinnen, wenn sie gut ist. Wir applaudieren uns gegenseitig, wenn wir neue abgefahrene Gruppen oder Künstler entdecken, sagen aber auch deutlich unsere Meinung, wenn etwas schrecklich klingt. Im Endeffekt hilft uns diese Offenheit dabei, ein besseres Verständnis für die Wirkung von Musik insgesamt zu erlangen. Wir wissen heute, was wir mögen und was nicht – auch in Bezug auf unsere eigenen Stücke.“ Neben der Beschäftigung mit dem Schaffen anderer gehen die Beteiligten auch aktiv Projekten nach, die nichts mit dem Extrem-Metal von WRETCHED zu tun haben. Das hilft den Musikern dabei, abzuschalten, die Köpfe frei zu bekommen und sich auf das große Ziel vorzubereiten:

„Als Metal-Künstler versuchen wir, eigene Spuren zu hinterlassen. Auf Traditionen lässt sich gut aufsetzen, doch man muss sich von ihnen ausgehend eigene Wege suchen. Innovatoren definieren eine bestimmte Spielart, indem sie etwas Neuartiges erschaffen. Warum soll man das nicht ganz genauso tun? Schon aus Respekt vor der Leistung der Visionäre sollte jeder Künstler darauf aus sein, die Innovation fortzuschreiben. Uns wäre es uns zu wenig, lediglich weitere Death Metal-Songs zu schreiben.“ Der Titel des geradlinig und fokussiert umgesetzten neuen Albums ist übrigens nichts wörtlich zu nehmen: „Esst Menschenfleisch, haha. Nein, darum dreht es sich natürlich nicht, auch wenn die Platte einige Texte besitzt, die mit diesem Tabu spielen“, erklärt der Gitarrist abschließend. „„Cannibal“ beschäftigt sich primär mit der scheinbar angeborenen Neigung der Menschheit, sich selbst und andere zu zerstören.“

 
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