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Whitechapel

Storie von: arne, am 24.04.2014 ]

Die Mitglieder von WHITECHAPEL wissen um ihre individuelle handwerkliche Klasse und ihr gewachsenes Verständnis für die Wirkungsmechanismen massiver Metal-Brecher. Das neue Album „Our Endless War“ beweist das souverän wie eindrucksvoll. Nach Belieben wechselt die Band aus Knoxville, Tennessee zwischen klassischen Death-Strukturen und modern-extremen Passagen mit Core-Attitüde. Entscheidend dabei ist, was den jeweiligen Track voran bringt und dessen Abwechslungswert steigert.

 
Gerade im Vergleich mit dem im letzten Jahr wiederveröffentlichten Debüt von 2007 wird deutlich, welch enormen qualitativen Sprung das Sextett hingelegt hat: „Metal Blade hat entschieden, unser erstes Album noch einmal auf den Markt zu bringen“, erzählt Gitarrist Alex Wade. „Es ist damals auf einem kleinen Label (Siege Of Amida Records – Anm. d. Verfassers) erschienen und hat das aus meiner Sicht vorhandene Potenzial nicht abrufen können, weil zu wenige Leute von dem Album Notiz genommen haben. Die Wiederveröffentlichung ist aufgrund des überarbeiteten Sounds nicht verkehrt, auch wenn wir uns seit diesen Tagen enorm weiter entwickelt haben und uns „The Somatic Defilement“ musikalisch nur noch bedingt repräsentiert. Der neue Mix gefällt mir besser, doch man merkt, dass wir damals Kids waren, die munter drauf los geprügelt haben. Wir hatten keine Erfahrung damit, Songs im Studio einzuspielen und waren nicht wirklich vorbereitet. Das Debüt fiel entsprechend aus und im Ergebnis um einiges weniger heavy, als es möglich gewesen wäre.“

Die Musiker mussten sich zunächst darüber klar werden, was sie wollen und die Mechanismen des Metal-Business kennen lernen. Als die Prioritäten geordnet waren, verlief der Aufstieg schnell und geradlinig: „Vor neun Jahren sind wie praktisch ohne Plan gestartet. Wir wollten lediglich Musik machen. Eine professionelle Karriere oder bekannt zu werden, war nicht unsere Absicht. Es ist anders gekommen, wie wir inzwischen wissen. WHITECHAPEL sind eine Metal-Erfolgsgeschichte. Wir kommen in der Welt herum und leben von der Band. Das hat nur deshalb geklappt, weil wir als Einheit dieselben Interessen und ein geteiltes Verständnis für das haben, was wir tun. Rückblickend kann ich sagen, dass wir bislang immer die richtigen Entscheidungen getroffen haben, doch es hätte leicht auch anders kommen können. Dass wir ein Level erreicht haben, von dem andere träumen, empfinden wir als Privileg. Mit jeder Platte und jeder Show wollen wir uns bestätigen und zeigen, dass wir zu Recht dort stehen, wo wir sind. Der Moment, der die Weichen für unsere professionelle Karriere gestellt hat, war das Signing auf Metal Blade Records. Als kleine Band aus dem Nirgendwo war es unser größter Traum, auf ein solch renommiertes Label zu kommen. Als das wahr wurde, wussten wir, dass wir alles erreichen können und haben anschließend noch mehr investiert. Unsere Platten und Touren sind immer besser geworden, doch ohne das Erlebnis des Signings wäre das so nicht passiert. Erst ab diesem Zeitpunkt sind wir eine Band gewesen, die wusste, wofür sie kämpft.“

Metal Blade ist dabei nicht das einzige Label gewesen, das sich die Dienste von WHITECHAPEL sichern wollte, wie der Gitarrist verrät: „Um ehrlich zu sein, hatten wir damals die Qual der Wahl, denn uns lagen acht Angebote vor. Es gab ein reges Interesse, uns unter Vertrag zu nehmen, was uns schmeichelte. Den Ausschlag für Metal Blade gab einerseits ihre beeindruckende Release-Historie, andererseits die Richtung, in die sich ihr Programm gerade entwickelte. Wir fühlten, dass wir perfekt dazu passen, und das hat sich bewahrheitet. Wir sprechen sowohl ein jüngeres Publikum an, das den Metal gerade erst für sich entdeckt, als auch ältere Semester. Wir sind nicht auf eine bestimmte Hörergruppe festgelegt und können auch prima mit etablierten Größen wie Cannibal Corpse oder Suffocation touren; nicht nur mit den jüngeren Extrem-Gruppen. Ausschließen tun wir hinsichtlich unserer Touren nichts. Auf der Warped Tour, die sich eher an ein jüngeres Punk- und Hardcore-Publikum richtet, sind wir ebenso dabei wie auf den „Rockstar Mayhem Festival-Tour“ für gesetztere Metal-Hörer. Inzwischen zählen wir ja selbst schon zu den älteren und etablierten Gruppen.“

Gemeinhin wird das Sextett aus Knoxville zum Deathcore-Sektor gezählt, was den deutlich breiter angelegten Stil von WHITECHAPEL unnötig limitiert. Spätestens mit „Our Endless War“ dürfte das nun endgültig der Vergangenheit angehören: „Es ist von Beginn an unser Ziel gewesen, Brücken zu bauen“, äußert Alex Wade. „Wir haben die Band zu keiner Zeit als stilistisch eingeschränkt, sondern stets auf unser Bauchgefühl gehört. Meiner Ansicht nach


haben wir nie das verkörpert, was unter Deathcore verstanden wird. Dennoch sind WHITECHAPEL über Jahre hinweg als Prototyp einer Deathcore-Band dargestellt worden. Da es uns nicht geschadet hat, kann ich damit leben. Uns war es immer wichtig, aufgeschlossen, an allen Extrem-Stilen interessiert zu sein und einen offenen Sound zu pflegen. Anfangs wollten wir schlicht brutalen Death Metal spielen, doch wir lieben auch Breakdowns. Also sind sie mit eingeflossen. Mit dem selbstbetitelten Album und mehr noch jetzt mit „Our Endless War“ stellen wir bewusst heraus, dass wir mehr sind als nur Deathcore. Das werden wir so lange tun, bis es auch der letzte verstanden hat. Handwerklich müssen wir uns vor „richtigen“ Metal-Bands nicht verstecken. Mit ihnen abhängen tun wir sowieso schon seit Jahren.“

Die Gruppe hat die richtigen Lehren aus der Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit gezogen: „Anfangs haben wir schlicht Riffs geschrieben und diese aneinander gereiht. Dazwischen gab es noch einige Breakdowns und Mosh-Parts. Das war es, denn wir wussten es nicht besser. Aus heutiger Sicht sind das keine richtigen Songs, doch zu Beginn haben wir nicht einmal darüber nachgedacht, dass man auch Chöre und Melodien setzen könnte und Abwechslung aufbauen muss. Spätestens seit dem selbstbetitelten Album legen wir viel Augenmerk auf das Songwriting und versuchen, mit jedem Stück erkennbare Strophe-Refrain-Strukturen umzusetzen. So gelingt es uns, brutal und eingängig zugleich zu klingen und die Leute können sich besser zu Recht finden. Den Beitrag von Melodien muss man bewusst erkennen, um aktiv mit ihnen zu arbeiten. Lange Zeit haben wir zu wenig Melodie in unseren Stücken gehabt. Heute setzen wir uns gerade mit ihrem verstärkten Einsatz und mit wiedererkennbaren Passagen von den bloßen Deathcore-Gruppen ab. Es geht nicht mehr allein um den Heavy-Aspekt der Musik. Inzwischen bearbeiten wir alle Facetten unseres Sounds mit derselben Sorgfalt. Die Hörer wollen starke Hooklines und Refrains hören. Das liegt in der menschlichen Natur. Dem kann man sich nicht erwehren, also geben wir ihnen, was sie hören wollen.“

Ein vollwertiges Songwriting, wie es WHITECHAPEL auf ihrem neuen Album praktizieren, hat klare Vorteile, wenn es um die nachhaltige Wirkung von Songs geht: „Früher drehte sich bei uns alles darum, brutal und tight aufzuspielen“, resümiert der Gitarrist. „Seit der letzten Platte wird es bei uns auch schon einmal dunkler, schwerer und langsamer. Wir lassen uns Zeit, Atmosphäre aufzubauen und mit den Stücken Geschichten zu erzählen. „Our Endless War“ knüpft daran an. Man findet schnelle, extreme Passagen, aber auch Parts, die auf ihre Hooks und düsteren Melodien hin abgestimmt sind. Wir haben uns im Vorfeld der Arbeit ganz bewusst mit dem letzten Album beschäftigt und analysiert, was wir warum besonders gelungen finden. Diese Bestandsaufnahme hat uns geholfen, zu erkennen und zu definieren, was unseren Sound auszeichnen soll. Da wir anschließend wussten, was wir umsetzen wollten, lief der kreative Prozess reibungsfrei und zielgerichtet.“

Doch auch der Arbeitsprozess selbst hat sich verändert, wie Alex Wade erzählt: „Wir wissen, dass es nichts bringt, uns im Proberaum zu treffen, um an Songs zu arbeiten. Irgendetwas passt immer nicht, sei es nun der Krach aus den Nachbarräumen, die Hektik vor der Tür oder etwas anderes. Deshalb arbeiten die anderen beiden Gitarristen Ben und Zach und ich unter Studio-Bedingungen. Wir drei haben Zuhause jeweils ein kleines Studio, wo wir Songs schreiben und mit Ideen herumspielen können. Erst, wenn diese weit genug entwickelt sind, treffen wir uns mit den anderen und finalisieren die Stücke. Bezüglich der eigentlichen Aufnahmen haben wir uns dieses Mal zudem bewusst mehr Studio-Zeit eingeplant. Bislang haben wir das Material stets so aufgenommen, wie es geschrieben und geprobt war. Darüber hinaus blieb keine Zeit, Alternativen zu testen oder noch etwas zu verändern. Für „Our Endless War“ haben wir uns zunächst mit den Demos beschäftigt und die Umsetzung unserer Ideen weiter verfeinert. Erst danach haben wir aufgenommen und das hat sich ausgezahlt. Künftig werden wir diese Arbeitsweise fortsetzen.“

 
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