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Neaera

Storie von: arne, am 06.03.2013 ]

Anno 2013 befinden sich die Wirbelwinde von NEAERA im zehnten Jahr ihrer Band-Aktivitäten und beschenken ihre Fans und sich selbst mit einem weiteren furiosen Ritt zwischen Death und Black Metal, der mit einer guten Portion Core abgeschmeckt wird. Der Titel „Ours Is The Storm“ ist programmatisch aufzufassen, wenn die Münsteraner von Beginn an die Offensive bedienen und ihre Trademark-Attacken setzen, die einem Orkan gleich am Hörer vorbeifegen.

 
Unbändige Härte und gnadenloses Tempo werden dabei immer auch mit guten Melodien versehen. Vor dem Hintergrund der kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Musiker und ihres sprunghaften Wesens kommt es permanent zu Verschiebungen in den Songs und einem insgesamt äußert variablen Antlitz.

Kurz vor dem Telefonat mit Tobias Buck war die Band von der „Persistence-Tour“ zurück gekehrt, die NEAERA mit den Hardcore- und MetalCore-Ikonen Hatebreed, Agnostic Front, H2O, Stick To Your Guns und The Acaica Strain gespielt haben. Dass die Deutschen stilistisch aus dem Rahmen fielen, war dem Gitarristen zufolge kein Problem: „Wir sind seit Sonntagnacht wieder zurück, von Tilburg nach Münster ist es ja nicht so weit. Für uns lief es super, und es war auch mal wieder ein anderes Publikum. Die Läden waren alle richtig voll bis ausverkauft, so dass es eine gute Tour gewesen ist. Wir haben schon vorab damit gerechnet, dass uns viele Leute gar nicht kennen werden, und so war es dann auch. Solange sich niemand umdreht und mit dem Rücken zur Bühne steht, hat man in diesem Rahmen schon gewonnen. Das ist zum Glück nicht passiert. Wir haben jeden Abend gute Stimmung gehabt, obwohl wir nach den lokalen Supports die zweite Band waren. Glücklicherweise sind die Läden da schon immer gut voll gewesen, so dass wir uns zeigen konnten. Nach allem, was ich mitbekommen habe, hat es die Leute angesprochen, auch wenn es sonst nicht unbedingt ihre Musik gewesen ist. Die Resonanzen am Merch sind in jedem Fall positiv gewesen. Benni, unser Sänger, hat sich dort mit vielen Leuten unterhalten. Da wir mit keinen großen Erwartungen in die „Persistence Tour“ gegangen sind, war es wirklich großartig.“

Das Quintett hat längst einschlägige Erfahrungen damit, Leute innerhalb kürzester Zeit mit der eigenen Qualität zu begeistern: „Es ist ja gerade die Herausforderung, ein Publikum zu überzeugen, das uns eigentlich gar nicht sehen will“, meint Tobias. „Im Sommer spielen wir seit einigen Jahren immer auch Festivals, wo Pop- oder Hip Hop-Acts als Headliner auftreten. Da scheint es uns immer besonders gut anzukommen, wenn zwischendurch auch mal etwas Härteres zu hören ist, das die Leute wachrüttelt. Da wir immer Bock haben, zu spielen, müssen wir uns auch für solche Shows nicht großartig motivieren. Wir gehen auf die Bühne und schauen, was geht.“ In der deutschen und europäischen Modern-Brutalo-Sparte sind NEAERA eine eingeführte Gruppe, die sich vieler Fans rühmen kann, „aber es gibt immer noch viele Leute, die bislang keine Notiz von uns genommen haben“, so der Gitarrist. „Man darf nicht vergessen, dass wir extreme Musik spielen, die nicht wirklich im Mainstream stattfindet. Deshalb stoßen Leute immer wieder per Zufall über uns. Schön ist es dabei, dass wir sowohl jüngere als auch ältere Hörer überraschen können und sie zu Fans werden.“

Gemeinsam mit den Fans ließe sich in diesem Jahr vortrefflich ein Band-Jubiläum feiern, das der Musiker aber noch gar nicht so richtig auf dem Schirm hat: „Wir haben kurz vor dem Sommer angefangen, insofern hätten wir dann wirklich bald unser zehnjähriges Jubiläum. Ich wüsste aber nicht, dass wir schon irgendetwas geplant haben. Vielleicht machen wir etwas, aber bislang haben wir darüber noch nicht einmal gesprochen. Da wir gerade intensiv mit der neuen Platte beschäftigt waren, bleib keine Zeit, etwas in dieser Richtung zu unternehmen.“

Im vergangenen Jahr haben die Münsteraner ihren Plattenvertrag mit Metal Blade verlängert. Kein Wunder, wenn man bedankt, dass das Label die Karriere von NEAERA von Beginn an begleitet hat und das Quintett seit der Veröffentlichung des 2005er Debüts „The Rising Tide Of Oblivion“ unterstützt: „Da wir im letzten Jahr mehr oder weniger vertragsfrei waren, gab es natürlich einige Angebote“, so Tobias Buck. „Wir haben geschaut, was passiert, sind dann aber doch wieder nach Hause zurück gekehrt. Es passt einfach. Wir kennen die Leute. Das Angebot war super, und von daher gab es auch gar keinen Grund, ernsthaft über einen Labelwechsel nachzudenken.“ Vielleicht geht mit „Ours Is The Storm“ ja erstmals auch etwas außerhalb Europas: „Wir würden uns natürlich freuen, wenn wir die Chance bekämen, in Nordamerika zu touren. Aber zum einen ist Amerika ein riesiges Land, und zum anderen haben sie selbst unglaublich viele, gute Bands. Dort wartet niemand auf uns. Für eine deutsche Band ist es schwer, dort Fuß zu fassen, doch wenn sich mal eine Gelegenheit bietet, werden wir sie natürlich nicht ausschlagen. Es war schon immer unser Kredo, alles zu machen, was möglich ist. Unsere Koffer sind immer gepackt. Es liegt aber nicht in unserer Hand.“

Das Artwork der neuen Platte erinnert an die Gestaltung diverser Facedown-Releases. Christliche Hintergedanken oder Ambitionen in Richtung der Christ-Core-Zielgruppe gibt es aber nicht: „Nein, das auf keinen Fall. Daran habe ich bislang noch gar nicht gedacht“, erwidert der Münsteraner. „Es ist mir noch nicht einmal aufgefallen, dass man das Cover auch in einem christlichen Sinn sehen kann. Das ganze Konzept stammt von unserem Bassisten Benjamin. Er hat sich etwas überlegt und das dann zusammen mit Markus Ruf (ex-Fear My Thoughts) gestaltet. Den Album-Titel „Our Is the Storm“ hatten wir schon sehr früh, und natürlich wollten wir für das Artwork auch etwas, das dazu passt. Zu Wind, Wellen und Meer ist es vom Titel nicht weit, und so ist das Artwork entstanden. Es ist aber kein Konzept-Werk. Das Artwork bezieht sich nur auf den namensgebenden Song der Platte.“

Mögliche Missverständnisse sind demnach ausgeräumt, doch wie auch bezüglich der Musik sollen sich Hörer und Fans eigene Gedanken zu möglichen Zusammenhängen und zur Einordnung machen: „Wie wir stilistisch klassifiziert werden, ist uns schon immer egal gewesen. Die einen sagen Metal, die nächsten Death Metal und die dritten MetalCore. Wegen mir auch Extren-Metal. Wenn wir im Proberaum sind und Songs schreiben, verfolgen wir kein bestimmtes Schema, sondern fangen einfach an, zu spielen und mit Riff-Ideen herum zu werkeln. Dann kommt hier ein Blastbeat dazu und dort ein Groove- oder Mosh-Part oder etwas Melodisches, wenn nicht gar etwas Black Metal-lisches. Es gibt nichts, was wir per se ausschließen. Unsere Musik spricht


für sich selbst. Die Leute sollen für sich entscheiden, wie sie das am Ende einordnen.“

An einem nachvollziehbaren Beispiel verdeutlicht der Gitarrist, dass Klassifizierungen nichts bringen: „Die Leute sagen schon seit Jahren, dass MetalCore tot sei. Doch Bands wie Heaven Shall Burn, Caliban, Killswitch Engage oder Unearth sind noch immer am Start und das sehr erfolgreich. Die Musik ist nach wie vor da, nur hat sich alles noch weiter vermischt, so dass man kaum mehr von MetalCore sprechen kann. Am besten sagt man gar nichts mehr.“

Das Quintett hält es von jeher pragmatisch und bleibt allen Errungenschaften zum Trotz seiner Maxime treu, nimmt nichts für selbstverständlich: „Wir haben nie großartige Erwartungen an das gestellt, was uns mit der Band widerfährt, sondern einfach versucht, die besten Songs und Platten zu schreiben, die uns möglich sind. Irgendwelche Erfolgsvorstellungen hat es zu keiner Zeit gegeben“, erzählt Tobias Buck. „Mal hat es besser, mal schlechter geklappt, aber nach wie vor macht es Spaß, aktiv zu sein. Den Zahn, dass man davon reich werden kann, den muss man sich möglichst früh selber ziehen. Wir machen weiter, weil wir es wollen und alles stimmt. Wenn wir irgendwann nicht mehr so viel Zeit investieren können, machen wir es auf kleinerer Flamme als Hobby weiter. Das hängt aber nicht daran, ob wir Erfolg haben oder nicht. Der Gradmesser ist der Spaß, denn ohne ihn geht nichts; zumindest in unserem Fall.“

Sechs Platten in zehn Jahren sprechen in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache: „Ja, das ist nicht wenig“, bestätigt der Gitarrist. „Doch daran sieht man ja, wie sehr wir das lieben. Es ist ja nicht so, dass jemand mit einer Pistole hinter uns steht und uns zwingt, Alben zu schreiben und aufzunehmen. Wenn es Druck gibt, machen wir uns den selbst, und ich kann bestätigen, dass es der Spaß ist, der uns weitermachen lässt.“ Der Eindruck, dass NEAERA dieses Mal etwas länger gebraucht hätten, ihren neuen Longplayer fertig zu stellen, täuscht: „Eigentlich ist alles schon seit Sommer 2012 fertig, insofern sind wir nicht langsamer als sonst gewesen. Es hängt mit den Vertragsverhandlungen zusammen, dass „Ours Is the Storm“ erst jetzt herauskommt. Aber die nächste Platte ist noch nicht fertig, insofern ist alles gut.“ Die enorme Veröffentlichungsfrequenz hat über die Jahre zu einer Verdichtung der Qualität und des brutalen Hymnenwertes der Songs geführt. Zuletzt ist die Band sogar fast zwangläufig gechartet:

„Wenn man das einem Außenstehenden erzählt, der nicht mit der Musik-Branche zu tun hat, denkt er gleich, wir seien reich, weil wir in den Charts gewesen sind. Das ist aber nicht einmal ansatzweise so“, rückt der Musiker gerade. „Sicherlich ist es nett, so etwas von sich sagen zu können, dort Chart-Platzierungen sind nichts, was mein Leben grundlegend verändert. Dass die Leute noch Platten kaufen, bedeutet mir mehr als die daraus resultierende Platzierung. Das ist jedenfalls keines unserer Ziele. Wir sind auch nicht enttäuscht, wenn ein Album von uns nicht in die Charts geht. Dadurch, dass man in der Liste auftaucht, ändert sich ja nichts.“ An die Huldigung durch Fans hat sich Tobias auch noch nicht so recht gewöhnt, doch längst gibt es etliche Musiker, die NEAERA als Referenz anführen:

„Für mich ist es nach wie vor komisch, weil ich mich in den letzten zehn Jahren nicht geändert habe. Ich bin nach wie vor ein großer Musik-Fan und interessiere mich für alte Bands, die neue Platten rausbringen, suche aber immer auch nach neuen Sachen. Wenn dann Fans zu uns kommen, die unsere Songs cool finden und von ihnen inspiriert sind, ist das eine große Ehre. Es freut einen natürlich, denn das ist ja keine Selbstverständlichkeit. Die Leute können zwischen so vielen verschiedenen Gruppen auswählen. Dass sie dann zu uns kommen, ist schon cool.“

Apropos cool, die Münsteraner fallen immer wieder auch durch lässige, witzige Band-Photos auf. Im Kontext von „Ours Is The Storm“ ist bislang aber noch keines aufgetaucht: „Also, ein lustiges Bild gibt es auch“, bestätigt Tobias die Vermutung. „Es ist uns wichtig, immer auch etwas zu machen, das Fans und Presse eine andere Seite zeigt. Statt der spaßigen Bilder werden am Ende aber zumeist die Standard-Photos genommen, auf denen wir ernst gucken. Wir freuen uns immer, wenn doch die spaßigen gewählt werden. Wer uns kennt oder nach Konzerten erlebt, weiß, dass wir ganz normale Typen sind, die viel blödeln und nicht die ganze Zeit mit herunterhängenden Mundwinkeln durch die Gegend laufen. Im Metal ist das so eine Image-Sache. Backstage sitzen auch die krassesten Black Metaller beim Bier und lachen, was man von der Bühnen-Show her niemals erwarten würde.“

NEAERA gelingt es ebenfalls, zu überraschen, nur ist es in ihrem Fall für jeden offenkundig, der sich ihr neues Album anhört: „Als ich Nathan von BoySetsFire zum ersten Mal gehört habe, hat mich das selbst umgehauen, weil es komplett anders klingt und man so etwas bei uns nicht erwartet. Doch auch Parts wie in ,My Night Is Starless‘, die in der Strophe schon fast als Post-Rock-affin durchgehen, sind untypisch für uns. Wie immer haben wir die uns bestmögliche Platte geschrieben, die trotz der erwähnten Überraschungen insgesamt noch geradliniger ausfällt. Sie weist aber auch mehr Hooklines auf.“

Neue Gestaltungsmöglichkeiten für die eigenen Songs zu finden, bereitet dem Quintett auch nach all den Jahren keine Probleme, und ein Ende ist nicht in Sicht: „Solange es uns so viel Spaß macht, finden wir auch die nötige Zeit für die Band. Und solange die Nachfrage da ist, machen wir weiter. Ein Ablaufdatum sehe ich für uns nicht. Eine Prognose möchte ich dazu aber gar nicht abgeben. Das werden wir sehen, wenn es soweit ist und wir entscheiden müssen, ob und wie es weitergeht. Derzeit ist alles optimal. Wir haben keinen Grund, etwas zu verändern, getreu unserem Kredo: „Machen, was geht“. So haben wir es schon immer gehalten. Beim Rumdudeln auf der Gitarre fällt mir immer noch etwas Neues ein, das spannend ist. Wenn man sich lange genug mit seinen Ideen auseinander setzt, kommen auch neue Kombinationsmöglichkeiten, Melodien und Riffs und Sachen, die man vorher noch nicht in die Musik hat einfließen lassen.“

 
 Links:
  neaera.com
 
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