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Pig Destroyer

Storie von: arne, am 08.11.2012 ]

Fünf Jahre Wartezeit sind einfach zu lang! Fans von PIG DESTROYER haben sich in Geduld üben müssen, doch „Book Burner“ stimmt schnell versöhnlich. Das Grindcore-Quartett aus Virginia kotzt sich auf seinem fünften Longplayer eruptiv und zügellos aus; geht dabei wieder reduzierter und geradliniger vor.

 
Die 19 Songs des Albums sind nach einer halben Stunde durch. Die raumgreifenden Ansätze des Vorgängers „Phantom Limb“ werden damit wieder kassiert, besser pulverisiert. Relapse Records das greift dankbar auf und schickt die Band als „Reigning Grindcore Champions“ in die Promotion-Maschinerie: „Für das Marketing brauchen sie Slogans wie diesen“, zeigt sich Blake Harrison, der für füllenden Noise und Samples verantwortlich zeichnet, im Gespräch verständnisvoll. „Es ist ihre Einschätzung, mit der wir uns natürlich anfreunden können und von der wir uns geehrt fühlen. Wir selbst würden uns aber niemals so bezeichnen. Wir verfolgen keine definierten Ziele und streben nicht danach, einen bestimmten Status oder besondere Relevanz zu erreichen. Wir spielen Grindcore, weil wir diesen Stil lieben und ihn spielen wollen. Darüber hinaus ist da nichts. Ich selbst würde uns nicht einmal nur auf Grindcore reduzieren. Insofern wäre es schwer für uns, zu beweisen, dass wie tatsächlich „Reigning Grindcore Champions“ sind. Zum Glück müssen wir das nicht tun.“

Schwierig dürfte die Beweisführung im Zweifelsfall nicht fallen. Nach dem Motto höher, schneller und weiter geht es auf „Book Burner“ durch rohe, feindliche Extrem-Salven. Death, Grindcore, Thrash-Riffs, Powerviolence und eine punkige Fuck Off-Attitüde verbinden sich zu einem furiosen Mix, der keine Wünsche offen lässt: „Unsere neue Platte ist sehr reduziert und geradlinig; in allen Aspekten auf das Wesentliche beschränkt“, fasst es Blake zusammen. „Es ist wieder an der Zeit für ein solches Album gewesen. Wir wollten nichts anderes, als eine maximal aggressive Scheibe umsetzen, und das haben wir getan. Für den Moment sollen uns die Leute mit einem rohen, heftigen Grindcore-Sound verbinden. Stilistische Änderungen hat es nicht gegeben. Die Songs sind nur wieder etwas kürzer ausgefallen.“ Die angesprochene Verdichtung äußert sich in erweiterter Durchschlagskraft. Das fünfte Album von PIG DESTROYER ist nichts anderes als eine gnadenlose Abrissbirne: „Schon immer ging es bei uns darum, verrückte Musik zu machen“, so der Noise-Tüftler. „Das ist die Idee, auf der die Band von jeher basiert. Nichts anderes tun wir heute. Über die Jahre hat sich da nichts geändert. Wer uns hört, muss schon ebenso verrückt sein, wie wir es sind. Andernfalls hält man es doch gar nicht aus. Hoffentlich kommt in den Tracks auch der Spaß herüber, den wir in der Gruppe haben.“

Dass sich die Musiker aus Virginia bisweilen locker machen, erahnt man. Angesichts von Tempo und Hartnäckigkeit werden Hörer aber eher an die Wand gespielt, denn „Book Burner“ steht für die gnadenlose Kanalisation von Wut und Aggressionen: „Ja klar, Frustrationsabbau ist ein elementarer Punkt“, bestätigt Blake Harrision. „Wenn ich darüber nachdenke, wollte ich schon seit meinen Teenager-Tagen nichts anderes als Grindcore und extreme Musik spielen, um mich auszuleben und zu verausgaben. Das tue ich nun schon viele Jahre und habe noch immer Spaß daran. Vielleicht sollte ich mir langsam Sorgen machen.“ Über den Mehrwert von Noise und Samples zur Wirkung von PIG DESTROYER mag es unterschiedliche Meinung geben. Der Musiker stellt ihn nicht infrage: „Es ist sehr erfüllend, dazu beizutragen, den Songs den letzten Schliff zu geben und mit meinem Zutun die Richtung heraus zu arbeiten und zu stützen, die sie nehmen sollen. Auf jedes einzelne Stück, das wir fertig stellen, bin ich unglaublich stolz. Natürlich ist der Einfluss, den Samples und Noise nehmen können, überschaubar bzw. wird von den Leuten oftmals als nicht so entscheidend wahrgenommen. Dem möchte ich widersprechen. Den Beweis könnte man über den Vergleich der Tracks vor und nach meinem Eingriff führen, jedoch ist das schwerlich möglich. Aber glaube mir, ich arbeite lange und intensiv an den Songs und sie werden im Ergebnis besser. Dass wir weder wohlklingend und sanft antreten, ist ja gesetzt. Ich helfe dabei, dass wir gefährlich und boshaft wirken.“

Bissigkeit als Leitmotiv

Scott Hull setzt auf dem fünften Longplayer von PIG DESTROYER unerbittlich antreibende Riffs und lässt damit niemals nach. Was er auf der Gitarre vorgibt, wird von J.R. Hayes Vocal-seitig aufgegriffen und giftig ausgebaut. Adam Jarvis (auch Misery Index) als neuer Schlagzeuger im Gefüge lässt sich da nicht lumpen und arbeitet sich auf seinem Instrument krass ab. Im Zusammenspiel bzw. den Duellen mit Scott Hull kann der Neuzugang seine Klasse als Drummer voll ausspielen und immer wieder auch seine individuellen Qualitäten präsentieren. Die Interaktion und gegenseitige Anstachelung zwischen Hull und Jarvis ist atemberaubend und mit dafür verantwortlich,


dass „Book Burner“ eine solche rigorose Platte geworden ist, die bis zum Ende begeistert und fesselt. Blake Harrison erweitert die Tiefe und das bedrohliche, ungute Gefühl, das die Songs der Band verströmen:

„Wir wissen, dass PIG DESTROYER nicht für jedermann sind. Das wollen wir auch gar nicht sein. Die Fans kennen uns und unseren Sound. Darüber hinaus ist unser Wirkungspotenzial für die Breite eher gering. Wir sind nicht die extremste Band des Planeten, jedoch mit unserem Platz im Underground und der Resonanz, die wir erfahren, hoch zufrieden. Für direkte, schlanke Tracks, wie die unseren, gibt es immer Hörer. Ganz egal, wie komplex, abgedreht oder technisch andere Gruppen unterwegs sein mögen. Unser Grindcore ist schnell erschließbar, weil er direkt auf den Punkt kommt, und nicht anders wollen wir es haben.“ Große Hintergedanken gibt es hinsichtlich des Songwritings nicht, wie der Sound-Tüftler verrät. Stattdessen geben Impulsivität und Fokussierung die Richtung vor: „Wir spielen einfach drauf los. Die grobe Richtung ist gesetzt, also folgen wir beim Songschreiben dem, was sich richtig anfühlt und in unser Bild passt. Wir wissen, wie wir klingen wollen. Das ist das, was wir selbst hören wollen. Wir spielen die Songs für uns und um uns selbst zufrieden zu stellen. Um mehr geht es nicht. Dabei gehen wir keine Kompromisse ein und folgen allein unserem Bauchgefühl und der Interaktion innerhalb der Gruppe. Bevor es mit der Arbeit am neuen Album losging, haben wir uns kurz darüber ausgetauscht, dass es geradliniger, schlanker und temporeicher werden sollte. Weitere Vorgaben oder Leitlinien haben wir uns nicht gesetzt. Das Songwriting lief anschließend wie bei jeder anderen Scheibe zuvor. Wir haben nichts anders gemacht, nichts verändert. Mit „Book Burner“ haben wir unsere Vorstellungen 1:1 umgesetzt.“

Nicht zuletzt auch deshalb, weil Gitarrist Scott Hull die Platte selbst aufgenommen, produziert und finalisiert hat. Die Blast-Attacken kommen präzise und maximal vernichtend. Die jähe, grimme Anmutung der Songs ist absolut schonungslos: „Scott hat eine klare Vorstellung davon, welchen Sound er haben will und wie das Album am Ende klingen soll“, äußert Blake Harrison. „Dass er das auch das Mixing und Mastering übernommen hat, reflektiert das und ist nur konsequent. Ich weiß nicht einmal, ob wir einer externen Person überhaupt noch das nötige Vertrauen entgegen bringen würden, Hand an unsere Songs zu legen. Bei uns gibt es nur ein Leitmotiv: Bissigkeit. Diese soll authentisch und kompromisslos umgesetzt sein, und damit kennt sich Scott bestens aus.“ Bei den Texten ist es bei PIG DESTROYER ähnlich wie bei der Musik: „JR schreibt, was er schreibt und hat seinen eigenen Arbeitsrhythmus. An einigen Texten arbeitet er jahrelang, andere entstehen innerhalb kürzester Zeit. Es hängt davon ab, wann und wo ihn die Ideen treffen und wie schnell er sie in treffende Worte fassen kann. Häufig drehen sich seine Lyrics um Trostlosigkeit, Isolation und Verdorbenheit. Das passt zur Musik, ist aber einzig und allein sein Metier.“

An Inspiration mangelt es seit Band-Gründung 1997 nicht. Hinsichtlich ihres rigorosen, kompromisslosen Auftritts hat das Quartett bislang auch nicht zurück gesteckt: „Es stimmt schon, dass extreme Musik eher jüngeren Semestern vorbehalten ist, aber wir sind mit dem Grindcore älter geworden und fühlen uns ihm nach wie vor verbunden“, erwidert Blake. „Wir spielen ihn mit unveränderter Leidenschaft und sind so brutal und aggressiv wie früher unterwegs. Es fällt ja nicht schwer, wütend zu sein, wenn man sich die vielen Querelen und Auseinandersetzungen in Politik, Religion, Wirtschaft und den Status der Welt insgesamt von Augen führt. Die Zeiten sind krass, unsere Musik reflektiert das. Wir sind der Spiegel unseres Umfelds.“

Da ist etwas dran, auch wenn die Welt noch nicht ganz so durch ist, wie man es nach Hören von „Book Burner“ meinen könnte. Eines aber lässt sich konstituieren: Es gibt durchaus Argumente, PIG DESTROYER als „Reigning Grindcore Champions“ einzuordnen. Ihr fünfter Longplayer ist Pflichtstoff für alle Spielart-Fans. Abschließend weckt der Samples- und Noise-Mann der Band sogar die Hoffnung auf eine Stippvisite in Europa, wenn man es denn so auslegen möchte: „Wir haben vor, mit dieser Platte mehr live unterwegs zu sein. Damit sind nicht unbedingt längere Touren gemeint, aber wir wollen Shows in Städten und Gegenden spielen, in denen wir bislang noch nicht gewesen sind. Unser Hauptanliegen ist ja bereits umgesetzt. Mit „Book Burner“ haben wir ein direktes, brutales Album geschaffen. Alles, was jetzt im Nachgang geschieht, ist ein Bonus.“

 
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