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Vision Of Disorder

Storie von: arne, am 18.09.2012 ]

Nicht alle Rückkehrer werden mit offenen Armen empfangen, doch über die Reunion von VISION OF DISORDER haben sich viele Fans der New Yorker Szene zwischen Hardcore und Metal gefreut. Elf Jahre nach der letzten Platte geht es mit „The Cursed Remain Cursed“ nun weiter. Das Quintett meldet sich stark zurück und erfährt mit Verspätung vielleicht doch noch die Beachtung, die ihm zusteht.

 
Leicht haben sich die Beteiligten den Schritt zum Comeback nicht gemacht und sich lange bitte lassen. Nachdem die Band vier Jahre auf Eis lag, spielte sie 2006 zunächst eine spontane Show, der in unregelmäßigen Abständen weitere folgten. Doch erst 2008 verkündete die Gruppe ihre endgültige Rückkehr in den aktiven Dienst. Auf den Nachfolger von „From Bliss To Devastation“ mussten Fans in der Folge allerdings noch einmal dreieinhalb Jahre warten. Zu hören ist der Querschnitt der bisherigen Karriere der Band aus Long Island, die sich immer ein wenig jenseits der Beachtung der Breite bewegte, obwohl sie viele Entwicklungen im Feld zwischen Hardcore, Metal und Heavy Rock frühzeitig vorweg nahm:

„In all der Zeit hat sich eines nicht verändert: unser Ziel“, erzählt Gitarrist Matt Baumbach im Gespräch. „Als wir einst anfingen, haben wir nichts erwartet. Wir waren gespannt, zu erfahren, wohin und wie weit uns die Musik bringen würde. Kommt man nach einer längeren Pause zurück, ist das nicht anders. Man kann nicht erwarten, dass es von dem Punkt aus weiter geht, an dem man abgetreten ist. Wir wissen nicht, was passiert, doch unser Glaube an die Stärke und Kraft unserer neuen Songs ist unerschütterlich. Allzu viel verändert hat sich nicht, wenn man es herunter bricht. Wie es jede Band halten sollte, machen wir alles zunächst für uns selbst. Erst dann, wenn wir selbst zufrieden sind, treten wir mit unseren Songs nach außen und schauen, ob auch andere Leute etwas mit ihnen anfangen können.“ Das scheint der Fall zu sein. Candlelight Records fackelte nicht lange und nahm die Kult-Kombo unter Vertrag:

„Dass wir fast vom Fleck weg gesignt worden sind, hat uns einen ungeheuren Motivationsschub gegeben. Es fühlt sich gut an, gefragt zu sein. In der Vergangenheit sind wir stolz darauf gewesen, auf einem Label mit Größen wie Fear Factory, Machine Head, Life Of Agony und Sepultura zu sein. Viele Jahre später nun neben C.O.C., Orange Goblin und wieder Fear Factory zu stehen, fühlt sich toll an. Die größte Ehre ist es allerdings, immer noch das tun zu können, was wir lieben, und damit Anklang zu finden.“ Auch die Fans der Szene vom Big Apple haben VISION OF DISORDER nicht vergessen: „Es hat uns positiv überrascht, wie viele Leute sich noch an uns erinnern oder sogar auf uns beziehen“, zeigt sich Matt erfreut. „Erwartet haben wir das nicht. Nach uns sind so viele Bands auf den Plan getreten. In der Welt zwischen Hardcore und Metal ist unglaublich viel geschehen, wenn man nur an den MetalCore-Trend denkt. Vor dem Hintergrund der Massen an Acts, die diesem Stil verschrieben sind, ist es gut, dass wir mehr als nur Metal und Hardcore in unseren Songs haben und man bei uns weitere Seiten und Stile sowie einen etwas anderen Blick auf das Feld findet.“

Das Comeback-Werk „The Cursed Remain Cursed“ rekapituliert den Werdegang des Fünfers und bietet die simplen, effektiven HC-Strukturen der frühen Tage des selbstbetitelten Debüts und des Klassikers „Imprint“. Gleichfalls setzen VISION OF DISORDER aber auch auf das massive Southern-Rock-Rollen der letzten Scheibe „From Bliss To Devastation“, intensive Heavy-Dichte und moderne Akzente, wie man sie von den zwischenzeitlichen Betätigungsfeldern der Beteiligten, Bloodsimple und Karnov, gehört hat. Summa summarum steht ein Sound, mit dem sich die Rückkehrer eigenständig und geerdet präsentieren: „Ich finde, dass sich unser Ansatz von dem jüngerer Gruppen unterscheidet“, ordnet der Gitarrist ein. „Ferner hoffe ich, dass auch die Hörer die Originalität unseres Songwritings entdecken, die wir selbst sehen. Es scheint von Vorteil zu sein, dass wir schon lange aktiv sind und viel gesehen und ausprobiert haben. Basierend auf unseren Erfahrungen bieten sich uns viele Freiheiten. Wir folgen keiner bestimmten Formel oder irgendeinem Strickmuster. Wir spielen das, was wir kennen und was sich gut anfühlt. Im Ergebnis steht etwas, das anders klingt, wenn ich es an dem abgleiche, was gegenwärtig angesagt und gängig ist. Inwieweit wir die Vorlieben und das Interesse der Hörer ansprechen, wissen wir nicht. Für diejenigen, die handfeste Songs zu schätzen wissen, die mit harter Arbeit und viel Schweiß im Proberaum entstanden sind, haben wir gute Stücke im Gepäck. VISION OF DISORDER sind ein Gemeinschaftsprodukt, das alle fünf von uns erfordert, und das nur in der Gruppe so stark werden konnte.“

Das Umfeld, in dem sich das Quintett bewegt, hat sich gerade im regionalen Raum, dem früheren Zentrum der internationalen Hardcore-Bewegung, stark verändert: „Von einer geschlossenen Szene ist heute nicht mehr zu sprechen – leider“, äußert Matt Baumbach. „Das ist die Kehrseite des Computer-Zeitalters. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Familienaspekt sind fast vollständig abhanden gekommen. Früher ist man zu jeder Show gegangen, unabhängig von der Frage, ob man eine Band sehen wollte oder nicht. Es ging darum, andere zu unterstützen, seine Freunde zu treffen und gemeinsam Spaß zu haben. Man drückte sich gegenseitig Flyer für Auftritte in die Hand und ist auch erschienen. Die Szene und der Zusammenhalt untereinander waren wichtig und wurden gepflegt. Heute ist das fast völlig verschwunden. Viele Subszenen und Bands separieren sich absichtlich und bleiben für sich. Man unterstützt sich nicht mehr gegenseitig. Jeder kämpft für sich. Die alten Tage vermisse ich, aber wir haben uns mit der Lage arrangiert. Wir sind auch nicht mehr die Jüngsten und haben neben der Band andere Verpflichtungen.“

Gleich geblieben sind indes die Reaktionen, die VISION OF DISORDER hervor rufen: „Egal, was man tut, es gibt immer Leute, die dich mögen und mindestens ebenso viele, die dich hassen“, gibt sich der Gitarrist weise.



„Das bewegt sich in etwa im Gleichgewicht. Man muss lernen, damit umzugehen. Das Feld zwischen Hardcore und Metal ist von jeher in Bewegung. Ständig passiert etwas Neues und neue Bands sprießen hervor, die ihre Vorgänger übertrumpfen wollen und auf ihrem Schaffen aufsetzen. Wer nicht ruhig bleibt und besonnen vorgeht, hat verloren. Auch wir haben harte Zeiten hinter uns, in denen es schien, als würde niemand verstehen, worauf wir hinaus wollten. Wir waren schon zu einer Zeit mehr als nur Hardcore, als das Umfeld noch nicht bereit gewesen ist. Doch wir sind ruhig geblieben und unseren Weg gegangen.“

In Zusammenarbeit mit Produzent Will Putney (Shadows Fall, Suicide Silence) haben die New Yorker ein brachiales, variables und in allen Belangen Klischee-freies Comeback eingespielt, das jenseits der gängigen Substile für eine stimmige und gewinnbringende Verbindung von Hardcore, Metal und Rock steht: „Was gegenwärtig in der Szene oder darin, was von ihr übrig geblieben ist, abgeht, weiß ich nicht“, sagt Matt. „Es interessiert mich auch nur am Rande. Dass alles kommerzieller geworden ist, sehen wir natürlich. Meiner Ansicht nach ist das verrückt, denn für mich sind Hardcore und Metal stets gegen das System, die Maschinerie und Kommerz gerichtet gewesen. Heute sind vielen Musikern Image und Aussehen wichtiger als Musik und Aussage. Damit kann ich nichts anfangen. In den frühen Tagen habe ich gerade den Umstand geschätzt, dass es ein Gemeinschaftsgefühl gab und man zusammen für die gleichen Überzeugungen und Werte eintrat. Wenn ich mich erinnere, wie Madball in den Wetlands aufgetreten sind oder Merauder im L'amours: alle Freunde waren da und wir sind eine große Familie gewesen. Es ist wirklich schade, dass diese Zeiten vorbei sind und es so etwas heute nicht mehr gibt.“

Da passt es gut, dass die Musiker heute älter sind und VISION OF DISORDER vor allem bei dem Klientel auf Interesse stoßen sollten, das sie aus ihrer ersten aktiven Phase kennt: „Daran, zu akzeptieren, dass ich inzwischen alt bin, führt kein Weg vorbei, haha. Von der Einstellung her, fühle ich mich aber noch immer jung. Sollten wir die Kids ansprechen, wäre das schon toll. Noch mehr bedeuten würde es mir allerdings, wenn uns die Leute unterstützen, die es schon vor zwanzig Jahren getan haben. Unsere Fans sind loyal und mit uns durch dick und dünn gegangen. Dafür bin ich ungemein dankbar und zähle darauf, dass es noch immer so ist. Unabhängig davon hoffe ich, dass es möglichst bald ein Ende hat, dass so viele Bands gleich klingen und die wenig originelle Aufstellung der Mehrheit der Gruppen aufhört. Diesbezüglich muss endlich etwas passieren. Nicht nur in Hardcore und Metal, sondern generell.“ Zu zeigen, dass es auch anders geht, kann ein weiterer Grund dafür sein, dass die New Yorker zurück gekehrt sind:

„Wir hatten das Gefühl, noch nicht alles gesagt und erreicht zu haben; einfach noch nicht fertig zu sein“, gibt Matt Baumbach zu Protokoll. „Deshalb sind wir jetzt wieder da und machen weiter, wo wir aufgehört haben. Hätte es eine Abstimmung unserer Fans gegeben, wie unser neues Album klingen sollte, würde das Ergebnis wohl ähnlich ausfallen, wie jetzt „The Cursed Remain Cursed“. Es ist ein kompaktes, in sich geschlossenes Werk mit Authentizität und dem Stil, für den unsere Band bekannt ist. All unsere Qualitäten kommen zum Tragen. Gerade das gefällt mir so an der Platte.“ Grunge-Zitate gehören dabei zum musikalischen Auftritt des Quintetts, wodurch Assoziationen in Richtung Alice In Chains und Soundgarden aufkommen. Verantwortlich dafür sind die manischen Gesänge von Fronter Tim Williams, der etlichen Stücken eine tief sitzende Verzweiflung und einen desillusionierenden Ausblick mitgibt: „Wir halten es einfach und simpel, obwohl uns das nicht immer leicht fällt. Wir versuchen erst gar nicht darüber nachzudenken, wie unsere Songs bei den Leuten ankommen werden und ignorieren Einflüsse und Meinungen von außen“, äußert der Gitarrist zum Arbeitsprozess. „Wenn sich im kreativen Bereich Chancen eröffnen, versuchen wir, sie zu nutzen. Mit Standard geben wir uns nicht zufrieden. Wir sind sehr wählerisch, wenn es darum geht, zu entscheiden, ob es ein Stück auf ein Album schafft oder nicht. Das Gefühl muss bei allen von uns stimmen, sonst akzeptieren wir es nicht. Dieser Weg ist nicht leicht, aber so bleiben wir uns treu und kommen voran.“

In dem, was sie tun, sind die New Yorker absolut frei. Gerade diesen Umstand schätzt Matt: „Wir machen das einzig und allein für uns; für niemanden sonst. Als wir erkannten, dass die neue Platte zu 75 Prozent die klassischen und zu 25 Prozent neue VISION OF DISORDER repräsentiert, war uns klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen ist, zurück zu kommen. Wenn man sich nicht mehr entwickelt, braucht man nicht weiter machen. Dann ist alles gesagt. Wir erkunden wiederum Neuland und gehen weiter.“ Und auch in anderer Hinsicht gab es für Matt Baumbach & Co. Neues zu entdecken:

„Der Unterschied zu den früheren Platten war es, dass wir lange kein Gefühl davon hatten, wie das neue Album klingen würde und wie stark das Material eigentlich ist. Das hat sich erst geklärt, als wir die Songs nach ihrer Fertigstellung das erste Mal gehört haben. „The Cursed Remain Cursed“ ist um Längen stärker, als wir es uns jemals erträumt haben. Wir wurden positiv überrascht, aber nach einer mehr als dreijährigen Vorbereitungszeit, während der sich fünf Typen die Finger wund gespielt haben, muss das wohl auch so sein. Von der ersten Probe an war es so, als hätten wir niemals gestoppt. Die größere Herausforderung ist es fast gewesen, die Band neu zu beleben und daneben unsere Privatleben weiter führen zu können. Dass uns das gelungen ist, kann ich noch immer nicht glauben. Zwischendurch schien es nicht möglich, doch es hat geklappt.“

 
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