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Me And My Drummer

Interview von: Matthias Rauch mit Charlotte Brandi & Matze Pröllochs, am: 09.08.2012 ]

Denkt man an ein Keyboard, ein Schlagzeug und eine Stimme, würden die wenigsten wahrscheinlich an einen so opulent dichten Sound denken, wie ihn das Berliner Duo Me And My Drummer auf ihrem Debütalbum zusammengeschnürt hat. Aus dem vermeintlichen instrumentellen Minimalismus entwachsen bei Charlotte Brandi und Matze Pröllochs verträumte Popsongs, die zum einen durch die faszinierende Stimme Brandis und zum anderen durch das hervorragend abgestimmte Timing Pröllochs getragen werden. Wir sprachen mit den beiden über den perfekten Popsong, die Reaktionen zum Album und Elliott Smith.

 

Musicscan: Wie muss man sich bei euch den Songwriting-Prozess vorstellen? Schreibt ihr zusammen oder bringt ihr schon fertige Ideen in den Proberaum, die ihr dann zusammen einarbeitet? Wie läuft das für gewöhnlich bei euch?

Me And My Drummer: Die Songs unseres Debüt-Albums sind größtenteils durch Jams entstanden. Wir haben uns im Proberaum getroffen und gemeinsam improvisiert. Wenn uns eine Idee gefallen hat, haben wir diese mitgeschnitten und die Aufnahme mit nach Hause genommen. Manchmal dauert es Monate, bis wir die Essenz der Skizze greifen und zu einem fertigen Song arrangieren können. Manchmal klappt das aber auch schon am nächsten Tag. Die andere Vorgehensweise ist, dass Charlotte zu Hause schreibt, vorproduziert und die Idee dann in den Proberaum mitbringt. Grundsätzlich ist Charlotte für alle Harmonien und Melodien zuständig. Wenn das Gerüst des Songs steht arrangieren wir dann zusammen.

Musicscan: Gibt es so etwas wie den perfekten Popsong? Was wäre ein Beispiel für einen perfekten Song für euch?

Me And My Drummer: Das haben wir auch schon oft diskutiert. Es gibt definitiv einige Parameter anhand derer man die Qualität eines Songs messen kann, wie z.B. Melodieführung, Harmonien, Arrangement, Produktion etc... Letztendlich bleibt es natürlich eine subjektive Angelegenheit. Trotzdem sind wir uns da in der Regel sehr einig. Um ein Beispiel für einen großartigen Songwriter zu nennen: Elliott Smith. Er hat mehr als nur eine Hand voll perfekter Popsongs geschrieben.

Musicscan: Wie würdet ihr die Resonanz auf eurer Debütalbum beschreiben?

Me And My Drummer: Von überschwänglich über „ganz ok“ bis hin zu „geht gar nicht“ war alles dabei. Unterm Strich sind wir aber sehr glücklich über die Reaktionen. Es interessiert viele Leute und das ist fantastisch!

Musicscan: Gab es konkrete ästhetische Ziele oder Ideen, die ihr mit dem Album umsetzen wolltet?

Me And My Drummer: Ja, die gab es. Uns ging es unter anderem darum, das Gefühl das die Leute bei unseren Konzerten hatten auf Platte zu bannen. Unser Produzent Tobias Siebert kam nach einem Konzert im September 2011 in Berlin zu uns und sagte: „Ich weiß jetzt genau wie das klingen muss! Ich hab’s verstanden!“ Die Studio-Arbeit begann dann im November. Tobias hat uns geholfen die Sounds so zu gestalten, dass ein ähnliches Gefühl entsteht. Grundsätzlich ging es uns darum, einen roten Faden zu spinnen der die teilweise sehr verschiedenen Songs miteinander verbindet. Wir haben uns viel damit beschäftigt, wie man ein rundes Album hinbekommt, das in seiner Spannungskurve von Anfang bis Ende stimmig ist. Und das hat sich sehr gelohnt.

Musicscan: Ihr seid nicht erst seit der Veröffentlichung des Albums unermüdlich live unterwegs. Abgesehen vom Promotioneffekt und der Tatsache, dass man heutzutage als Musiker touren muss, wenn man davon leben möchte, worin besteht für euch der Reiz einer Live-Show? Was sollten die Menschen von einer Me & My Drummer Show mitnehmen?

Me And My Drummer: Eine Live-Show ist die direkteste, ehrlichste und mutigste Art seine Musik zu präsentieren. Man gibt viel von sich preis. Außerdem ist bei uns jedes Konzert ein bisschen anders, wir stellen die Setliste für fast jede Show um, ab und zu bauen wir Jams ein und vieles passiert spontan. Deshalb sind unsere Konzerte immer sehr spannungsgeladen. Natürlich geben wir niemandem vor, was er von einem Konzert mitnehmen soll. Die Reaktionen zeigen auch, dass die Leute uns sehr unterschiedlich wahrnehmen. Das zeigt uns, dass wir Raum für Emotionen und eigene Interpretationen beim Publikum schaffen und wir schätzen das sehr. Das soll so bleiben.

Musicscan: Wenn ich richtig informiert bin, seid ihr erst vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen, um euch ganz der Band zu widmen. Inwiefern haben sich die Bedingungen künstlerisch zu arbeiten durch diesen Umzug verändert? Was schätzt ihr an Berlin und was empfindet ihr an Berlin als störend mit Blick auf den kreativen Prozess?

Me And My Drummer: Wir beide lieben Berlin. In erster Linie sind wir hierher gezogen, weil wir in dieser Stadt leben wollten. Alles andere kam danach. Es war also keine Entscheidung wie „Lass da mal hinziehen, da wird man berühmt“. Das ist nämlich natürlich Quatsch. Die Bedingungen für die kreative Arbeit sind für uns aus verschiedenen Gründen optimal: die Stadt bietet kulturell sehr viel, ist daher eine tolle Inspirationsquelle, wir haben einen guten Proberaum und vor allem haben wir uns in erster Linie über unser Label Sinnbus ein sehr großes Netzwerk an fähigen Leuten (wie Video-Regisseure, Grafiker, Fotografen, etc) erschlossen. Die laufen halt alle in Berlin rum.

Musicscan: Habt ihr das Gefühl, dass ausländische Bands – insbesondere nordamerikanische – hierzulande immer noch unterschiedlich behandelt werden bzw. oft automatisch einen gewissen Bonus innehaben? Hat sich die Haltung zu und Wahrnehmung von einheimischem Pop in den letzten Jahren verändert?

Me And My Drummer: Anders behandelt würden wir nicht sagen. Aber den Bonus gibt es schon. Trotzdem haben wir das Gefühl dass so etwas wie ein neues Selbstbewusstsein in der deutschen Pop- Musikszene entsteht. Da muss man allerdings natürlich differenzieren zwischen deutschen Bands, die deutsch texten und deutschen die englisch oder anderssprachig texten. Die deutschsprachigen Bands haben hier ja eh eine gute Plattform und konzentrieren sich daher in erster Linie auf den deutschen Markt. Wir als englisch singende Band haben dagegen den Anspruch international zu agieren. Und das ist gerade auf einem sehr guten Weg.

Musicscan: Wie würdet ihr die Zusammenarbeit mit Sinnbus bislang beschreiben? Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Me And My Drummer: Sinnbus kamen zu einem Konzert in Berlin im Februar 2011, da ein Freund uns denen empfohlen hatte. Wir hatten dann einen intensiven Kennenlern-Prozess über ein halbes Jahr lang in dem wir Musik ausgetauscht und uns geschmacklich einander angenähert haben. Die Zusammenarbeit ist produktiv, sehr bemüht und motiviert und Sinnbus sind besonders in geschmacklichen Fragen ein sehr guter Partner. Die zeichnet einfach aus, dass sie nicht versuchen, dem Künstler etwas aufzudrücken, sondern als Berater fungieren, der da ist, wenn man ihn braucht.

Musicscan: Was ist der Unterschied zwischen Kunst und Unterhaltung?

Me And My Drummer: Kunst ist grenzenlos. Alles kann möglicherweise Kunst sein, Kunst kann abstrakt sein oder so unscheinbar, dass sie fast unsichtbar ist. Unterhaltung dagegen steckt in einem viel engeren Korsett von Regeln, die bestimmen „dies oder jenes ist unterhaltsam“. Trotzdem gehen die beiden Begriffe natürlich häufig Hand in Hand.

Musicscan: Könnt ihr euch noch erinnern, als ihr euren ersten persönlichen Song vollendet habt? Inwiefern hat sich dieses Gefühl über die Jahre verändert?

Me And My Drummer: Die ersten Songs die wir miteinander gespielt haben, waren Klavier-Songs von Charlotte, die wir gemeinsam neu aufgearbeitet haben. Der erste Song, den wir tatsächlich gemeinsam geschrieben haben, besteht nur aus Schlagzeug und Gesang und wir spielen den inzwischen auch wieder live. Anfangs war unser Songwriting-Prozess sehr emotional gesteuert und wir haben noch nicht so detailgenau gearbeitet. Heute sind wir viel strenger und erklären einen Song erst als fertig, wenn wir ihn uns lang genug von allen Seiten angeschaut haben und sehen, dass alles passt.

Musicscan: Was sind einige eurer wichtigsten musikalischen Einflüsse und warum?

Me And My Drummer: Charlotte wurde mit Folklore, Americana und Blues groß. Das lief in ihrem Elternhaus am meisten. Matze hörte erst die Blues Brothers, dann viel Singer-Songwriter und Jazz. Als wir uns kennen gelernt haben, tauschten wir viel Musik aus und es haben sich einige gemeinsame Einflüsse heraus kristallisiert. Um ein paar Beispiele zu nennen: Micachu and the Shapes – das Album „Jewellery“ ist sehr unkonventionell produziert - Mica Levi hat hier mit Matthew Herbert als Produzenten zusammen gearbeitet - klingt geradezu „kaputt“ und ist dadurch absolut einmalig und gleichzeitig gespickt von großartigen Popsongs. Wildbirds & Peacedrums - diese Band ist einfach nicht zu überbieten in Atmosphäre, Emotion und Coolness. Gleichzeitig eines der besten Konzerte die wir je gesehen haben. Björk – sie ist ein Kunstprojekt, das so ganzheitlich ist wie kaum ein anderes und fasziniert uns beide sehr. Elliott Smith – er war schlicht einer der größten Songwriter überhaupt.

Musicscan: Gab es einen Punkt in eurem Leben, an dem klar wurde, dass ihr das mit der Musik jetzt voll versuchen wollt und die komplette Zeit und Energie da reinstecken werdet?

Me And My Drummer: Charlotte begann mit 4 Jahren Klavier zu spielen und zu singen und sie hat Eltern, die selber Musiker waren. Ihr wurde das Musik machen sozusagen in die Wiege gelegt. Nachdem sie einige Studiengänge angefangen und wieder abgebrochen hatte, erkannte sie, dass das der richtige Weg ist. Matze entschied mit 15, dass er später mal Profi- Schlagzeuger werden will.

Musicscan: Was inspiriert euch abgesehen von Musik? Was sind einige eurer nicht-musikalischen Leidenschaften? Was würdet ihr wahrscheinlich machen, wenn die Sache mit der Musik nicht geklappt hätte?

Me And My Drummer: Charlotte fasziniert Geschichte und bildende Kunst und sie liest darüber sehr viel. Matze inspirieren vor allem andere Menschen. Wenn er nicht Musik machen würde, wäre er wahrscheinlich Sozialarbeiter. Charlotte wäre wohl Schriftstellerin.

Musicscan: Was kann man von euch in der nächsten Zeit erwarten? Sind weitere Touren, Kollaboration oder Veröffentlichungen geplant?

Me And My Drummer: Ja, alles. Wir arbeiten hart an allen Ecken und Enden und haben ein gut aufgestelltes Team an Leuten, die helfen. Im Sommer kommen noch einige Festivals, im September geht es dann bis Mitte Oktober auf Tour und bis zum Ende des Jahres wird es noch viele weitere Konzerte geben. Das Album wird im September außerdem in UK/FR/IT/LU veröffentlicht, daher gibt es an der Front einiges zu tun und es werden auch zunehmend Shows im Ausland hinzu kommen. Stay tuned!

 
 Links:
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  Sinnbus Records
 
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