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Nachtmystium

Storie von: arne, am 24.07.2012 ]

NACHTMYSTIUM sind ein Phänomen und haben über die Jahre zu einem eigenständigen Stil gefunden, der sie auszeichnet und ein Mysterium darstellt, von dem man nicht die Finger lassen kann. „Silencing Machine“ stellt nun neuerlich heraus, das sich Blake Judd & Co. Kategorisierungsversuchen konsequent verwehren. Gerade aus diesem Grund sprechen ihre übergeordneten, düsteren Extrem-Sounds Hörer unterschiedlichster Lager an.

 
„In den letzten Jahren haben wir medial unglaublich viel Aufmerksamkeit erfahren. Wir finden inzwischen in allen wichtigen Magazinen statt und werden überall berücksichtigt, weil wir gegenwärtig in der ersten Reihe der Metal-Szene stehen“, äußert sich der Band-Kopf im Gespräch. „Dadurch werden ständig neue Leute auf uns aufmerksam und die Zahl unserer Fans wächst weiter. Es ist schon beängstigend, wie rapide sich das in der jüngsten Vergangenheit nach den letzten beiden Alben und auf den letzten Touren entwickelt hat. Und es hört ja noch immer nicht auf, was u. a. damit zusammen hängt, dass wir heute auf einem größeren Label sind, dem sich mehr Möglichkeiten bieten, uns Marketing-seitig zu unterstützen. Vergleichen kann man Century Media und kleine Labels wie Battle Kommand praktisch nicht. Das erklärt allerdings noch nicht, weshalb die Leute so enthusiastisch reagieren und uns abfeiern. Sie schätzen unseren übergreifenden Ansatz, der von vielen als einzigartig wahrgenommen wird. Dieses Kompliment nehmen wir gerne an, doch unheimlich ist die ganze Situation irgendwie schon.“

Da trifft es sich gut, dass der Gitarrist und Sänger zwar aktuell informiert ist, sich aber unbeeindruckt auf die kreative Arbeit und seine musikalische Selbstverwirklichung konzentriert: „Natürlich interessiere ich mich für das, was über uns geredet und geschrieben wird. Am Ende des Tages schreibe und spiele ich die Songs aber erst einmal für mich selbst“, stellt Blake Judd klar. „Solange ich und die Band mit unserem Output zufrieden sind, ist alles gut. Das ist das Wichtigste. Die Angst davor, Fans zu verprellen oder ihnen nicht zu gefallen, spielt beim kreativen Arbeiten keine Rolle und wird es auch niemals tun. Was die Leute von uns denken, ist mir letztlich egal. Wenn man uns nicht mag, ist das eben so. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung. Wir werden mit unserer Art von Musik niemals die breite Masse erreichen. Das ist uns bewusst, aber danach streben wir auch nicht. Motivation ziehen wir weder aus der uns entgegen gebrachten Aufmerksamkeit noch dem Zuspruch, den wir aktuell erfahren. Bandintern teilen wir das Gefühl, NACHTMYSTIUM fortschreiben zu müssen. Diesbezüglich haben wir keine Wahl. Vom Alter her sind wir alle kurz vor oder in unseren 30er Jahren. Der Musik sind wir seit unseren Teenager-Tagen verschrieben. Sie ist aus unseren Leben nicht mehr weg zu denken. Ohne den Metal und ohne auf Tour zu sein, könnten wir nicht mehr leben. Ein alltäglicher Trott wäre unser Untergang, deshalb spielen wir uns die Ärsche ab und machen weiter.“

Konstanz zahlt sich aus

Mit ihrer ersten, auch in Europa offiziell über Century Media veröffentlichten Platte bringen die Chicagoer ein starkes Argument auf den Markt, neuerliche Tour-Aktivitäten einzuläuten. Die Songs von „Silencing Machine“ sind roh und erdig belassen und klingen nach Field Recording mit Live-Feeling. Von Beginn an stellt sich ein mystischer, hypnotischer Effekt ein, auf dem die Musiker unheilvoll und zwingend aufsetzen: „Jedes Album steht für einen bestimmten Zeitabschnitt meines Lebens, spiegelt aber ebenso die Gedanken und Interessen der anderen Musiker wider, die an der Erstellung der jeweiligen Veröffentlichung beteiligt gewesen sind“, so der Band-Leader. „„Silencing Machine“ ist repräsentativ für NACHTMYSTIUM, wie wir seit Februar 2010 bestehen. Seitdem hat sich das Line-Up nicht mehr verändert. Der Einstieg von Charlie Fell als Schlagzeuger und die Rückkehr von Gitarrist Andrew Markuszewski, der von 2002 bis 2005 schon einmal Teil der Gruppe gewesen ist und diese zwischenzeitlich für ein Studium verließ, haben uns merklich voran gebracht. Zusammen mit Will Lindsay am Bass und Sandford Parker für Synths und Electronics verfügen wir heute über das stärkste Live-Line-Up, das wir für diese Band jemals hatten. Vor den Aufnahmen des neuen Albums haben wir schätzungsweise 400 Shows absolviert, so dass wir bestens aufeinander eingespielt waren. Besser geht es nicht. Die Routine im gemeinsamen Spiel und unser blindes Verständnis füreinander bestimmt „Silencing Machine“. Die Rhythmus-Arbeit von Charlie und Will ist einzigartig und so tight, dass wir anderen eine optimale Ausgangslage vorfinden, um zu glänzen. Wir arbeiten alle in dieselbe Richtung und pushen uns gegenseitig. Nebenbei führt die personelle Konstanz dazu, dass wir längerfristig an unserem Sound arbeiten und ihn gemeinsam entwickeln können. So etwas hat es in der Geschichte von NACHTMYSTIUM bislang noch nie gegeben, und wir wollen in der jetzigen Besetzung unbedingt unverändert weiter machen.“

Die grimme, primitive Black Metal-Vergangenheit dominiert die Songs, doch Wirkung erreichen sie erst im Zusammenspiel mit den psychedelischen, drogenschwangeren Sounds aus dem Rock- und Wave-Bereich, wodurch sich die Band ihre breit gestreute Fan-Klientel erschlossen hat: „Dass sich Hörer unterschiedlicher Vorlieben für uns interessieren, gefällt mir durchaus. Darauf bin ich stolz, und zu einem gewissen Grad verstehe ich es sogar. Unsere beiden letzten Alben wiesen viele Elemente aus dem Rock- und Psychedelic-Sektor auf. Das ermöglichte es vielen Hörern aus diesen Richtungen, Zugang zu unseren Songs zu finden, auch wenn sie mit Gruppen wie beispielsweise Cannibal Corpse nichts anfangen können. Parallelen müssen vorhanden sein, um Leute von einer Band zu überzeugen, die aus einem anderen Bereich stammt. Sehr oft habe ich in den letzten Monaten Komplimente gehört, wie: „Mit Black Metal und extremer Musik, bei der ich die Texte nicht verstehe, kann ich eigentlich nichts anfangen, doch auf euch stehe ich. NACHTMYSTIUM sind einfach anders.“ Sachen wie diese – Was soll ich aber darauf erwidern?“, fragt der Frontmann. „Natürlich freue ich mich, doch es ist und bleibt eigenartig. Mit Aussagen wie der beispielhaft genannten verknüpfe ich die Hoffnung, dass es für unsere Band auch künftig ein großes Potenzial gibt, was die Ansprache weiterer Hörergruppen angeht. Um unsere Zukunft sorge ich mich jedenfalls nicht.“

Black Metal in weiter gefassten Grenzen





Die wahre Stärke von NACHTMYSTIUM ist es, dunkle Riffs und Hits zu schreiben, die sich im Kopf festsetzen, ohne dieses zu erzwingen. Blake Judd & Co. stellen in ihren Tracks die Atmosphäre zentral und scheuen sich nicht davor, auf eine abstrakte Art „poppig“ in Erscheinung zu treten. Angesichts der derben, bedrohlichen Sounds von „Silencing Machine“ verbietet es sich eigentlich, von poppig zu sprechen, doch die Chicagoer verbuchen tatsächlich schwarze Anti-Hits mit ausgeprägtem Wiedererkennungswert: „Daran, dass NACHTMYSTIUM eine Metal-Band sind, besteht kein Zweifel“, bekräftigt der Gitarrist und Sänger.

„Das werden wir immer sein. Mit dem hippen Black Metal von Leuten, die sich außerhalb der Szene positionieren, möchte ich uns nicht in Verbindung gebracht sehen. Sicherlich kennt und mag man uns auch in diesem Lager, doch wir selbst sind als Musiker und Fans ausgewiesene und eingeschworene Metal-Heads. NACHTMYSTIUM ist in den frühen 2000er Jahren im Underground-Black Metal entstanden und hatte seine ersten Veröffentlichungen auf kleinen Szene-Labels. Dort liegen die Wurzeln unserer Band und die größten Einflüsse, was den frühen Sound anbelangt. Erst mit der Zeit hat sich das stilistische Spektrum erweitert und ich habe auch Elemente von außerhalb der Metal-Welt mit einbezogen. Bei Gruppen wie Blut Aus Nord, den schwedischen Shining oder Deathspell Omega ist das nicht anders. Wir alle erweitern die Grenzen dessen, was man unter dem Banner von Black Metal kennt und machen kann.“ Dabei ist der neue Zehn-Tracker so ausgestaltet, dass man als Hörer immer tiefer in den Strudel der manisch-gefährlichen Sounds des Quintetts gerät, die weder antiquiert noch irgendwie unpassend wirken: „Nichts ist wichtiger, als so früh wie möglich damit zu beginnen, nach einem einzigartigen Dreh für sich zu suchen. Das kann funktionieren, selbst wenn man sich an definierte Regeln und Standards hält, dürfte aber einfacher sein, wenn man seinen Sound experimentell erweitert und schaut, wohin einen das führt. Auf die Meinungen anderer darf man dabei nichts geben, denn das führt schnell zu Restriktionen, die es verwehren, das Ziel wirklich zu erreichen. Mit „Silencing Machine“ haben wir für unseren Weg eine richtig gute Balance zwischen unseren traditionellen Black Metal-Roots und den abenteuerlicheren Experimenten gefunden. Genau so wollte ich es haben.“

NACHTMYSTIUM wird ohne Frage als eigenständig und Richtung weisend wahrgenommen, spätestens seitdem das Quintett „Assassins: Black Meddle Pt.1“ und „Addicts: Black Meddle Part II“ veröffentlicht hat: „Das sind zwei sehr experimentell ausgerichtete Platten, denen jeweils ein anderer Fokus zugrunde lag“, ordnet Blake Judd ein. „Auf „Assassins“ haben wir die Welt des Psychedelic-Rock für uns entdeckt, was die Art des Songwritings und den Einsatz der Instrumente, wie originaler analoger Synthesizer oder eines elektrischen Fender Rhodes-Pianos, anbelangt. Ein Stück weit haben wir die 1960er Jahre wieder auferstehen lassen. „Addicts“ stand hingegen ganz im Zeichen seiner elektronischen Elemente. Wiederum gab es viele Synthies, doch diese wurden auf andere Weise eingesetzt. Wir haben stark mit Loops und synthetischen Drums gearbeitet, um die Musik in Richtung Industrial zu rücken. Beide Alben waren gewagt, und so wird es bei uns weiter gehen. Es liegt in unserer Natur, auch wenn ich gegenwärtig nicht sagen könnte, was alles noch kommen kann. Bei uns werden nicht nur die Hörer überrascht, auch für uns bleibt es spannend und unberechenbar.“

irgendetwas läuft schief

Für ihre neue Platte schauen NACHTMYSTIUM auf den eigenen Werdegang zurück und lassen ihre musikalische Vergangenheit neu aufleben: „Wenn überhaupt etwas, dann wollten wir „Silencing Machine“ wieder stärker in Richtung Black Metal führen. Die Vergleichbarkeit mit „Instinct:Decay“ und der „Wordfall“ MCD ist jedenfalls mehr als nur ein Zufall. Das ist die mir persönlich liebste Ära unserer Band-Discographie, wenn ich ehrlich bin“, verrät der Frontmann. „Die Ausgewogenheit im Songwriting zwischen Black Metal und externen Einflüssen ist auf „Instinct:Decay“ ebenso ausgewogen und überzeugend wie jetzt auf „Silencing Machine“. Die neuen Songs sind weniger grell als die der beiden letzten Platten und streben weniger danach, eigenständig sein zu müssen oder zwingend für etwas Neues zu stehen. Dieses Mal haben wir es klassischer gehalten, und damit fühlen wir uns im Moment sehr wohl.“

Hinsichtlich der avisierten Wirkungsrichtung hat sich allerdings nichts verändert, wie der Frontmann bestätigt: „Jedes Album von NACHTMYSTIUM soll ein richtiges Hörerlebnis sein, nicht nur eine Ansammlung von Songs, die aneinander gereiht sind. Stimmungen und Atmosphäre sollen fesseln und aufputschen, bevor sie den Hörer am Ende ausspuken und sich fragen lassen, was ihm gerade widerfahren ist. Solche Empfindungen versuche ich musikalisch hervor zu rufen, und „Silencing Machine“ folgt genau diesem Schema. Es wirkt sehr intensiv und das von Beginn bis Ende. Es gibt weder Intro noch Outro, keine längeren Übergänge und keine Filler. Jeder einzelne Song lässt dich nervös schlucken. Die Attitüde auf dem Album reicht von negativ bis extrem negativ und zieht sich so über die gesamte Spielzeit. Wir wollen beim Hörer das Gefühl verankern, dass irgendetwas wirklich schief läuft.“

Ganz so destruktiv und apokalyptisch dürfte der neue Longplayer der Chicagoer nicht auf jeden Hörer wirken, doch schwer verdaulich ist der europäische Century Media-Einstand von NACHTMYSTIUM zweifellos. Blake Judd verspricht abschließend, dass es so weiter gehen wird: „Der erste Song, den ich jemals geschrieben habe, ist ,Holocaust Of Eternity‘ vom gleichnamigen Demo-Tape gewesen. Damals war ich gerade 16 Jahre alt und so stolz darauf, das erste Stück für meine Band fertig gestellt zu haben. Im Vorfeld bin ich unglaublich aufgeregt gewesen, doch als er fertig war dann unglaublich glücklich. Mehr Motivation braucht es nicht, und das Ergebnis ist heute noch immer dasselbe. Also schreibe ich immer neue Tracks – immer und immer wieder. An meinen Empfindungen, wenn ein Song fertig gestellt ist, hat sich nichts geändert. Wenn das eines Tages anders sein sollte, ist das der Tag, an dem ich aufhöre, Musiker zu sein, doch ich glaube nicht, dass er kommen wird.“

 
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