Go There
INFOS > Interviews-Stories > Details
/ 1 2 3 6 A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Y Z [
Interviews/Stories gesamt: 1762

Gorod

Storie von: arne, am 09.05.2012 ]

In Europa zählen GOROD zu den technischen Death Metal-Kapellen, die man kennen muss. Die Gruppe aus Bordeaux hat sich seit 1997 zu einem Sound vorbearbeitet, der eigene Trademarks und eine stimmige Balance aus schierer Brutalität und verbindender Songdienlichkeit besitzt. Technik zum Selbstzweck gibt es von den Franzosen nicht. Handwerkliche Höchstleistungen werden von ihnen in einen reifen Kontext aus Dramaturgie und Variabilität eingebettet.

 
Den Live-Support zur Veröffentlichung ihres neuen Albums „A Perfect Absolution“ spielten GOROD zum Zeitpunkt des Gespräches gerade an der Seite von Obscura, Spawn Of Possession und Exivious, also dreier Bands, die stilistisch ebenso rabiaten und herausfordernden Death-Sounds verschrieben sind: „Das Gute ist, dass die Anhänger von technischem und progressivem Metal sehr aufgeschlossen sind. Das zeigt sich gerade wieder auf Tour“, erwidert Gitarrist Mathieu Pascal. „Zwischen uns Bands gibt es kleine, aber feine Unterschiede, was die Stile anbelangt. Exivious spielen instrumentalen Prog-Jazz-Metal. Spawn Of Possession stehen für brutalen Death Metal. Obscura gehen eher in Richtung Heavy-Death, und wir sind unter den vier Gruppen die mit dem meisten Groove. Bislang ist es jeden Abend so gewesen, dass die Leute allen von uns dieselbe Aufmerksamkeit entgegen gebracht haben. So muss das auch sein. Im letzten Jahr sind wir mit The Faceless, Born Of Osiris und Veil Of Maya getourt. Das war eine ganz andere Erfahrung. Im Publikum standen sich sehr offensichtlich zwei völlig unterschiedliche Lager gegenüber. Die eine Hälfte war für Born Of Osiris und Veil Of Maya gekommen, die andere für The Faceless und uns. Es hat uns sehr enttäuscht, dass uns viele Leute nicht einmal eine Chance gegeben haben. So fair sollte man zumindest sein. Doch wer nur Downbeats und Tattoos kennt, hat das scheinbar nicht nötig. An etlichen Abenden, insbesondere denen in Großbritannien, haben wir uns sehr allein gefühlt. Deshalb genießen wir die Tour jetzt umso mehr.“

Dabei sind GOROD eine Band, die auch für Anhänger moderner Extrem-Sounds eine Menge zu bieten hat und hinsichtlich abgefahrener Ideen gegenüber keinem Frickel-Act hinten an steht: „Wir sind dafür bekannt, eine Band zu sein, die Risiken eingeht und sich für nichts zu schade ist“, bestätigt es Mathieu. „Genauso wollen wir es haben, auch wenn das zur Folge haben kann, dass die Leute, ob nun Fans, Presse oder sonstige Hörer, mit Unverständnis reagieren. Ich denke allerdings nicht, dass sie es besser fänden, wenn wir uns beständig wiederholen würden. Dass die „Transcendence“ MCD so wohlwollend aufgenommen worden ist, hat uns sehr gefreut. Damit haben wir nicht gerechnet. Die beiden akustischen Stücke, der lange Progressive-Track und das Cover sind sehr weit von dem entfernt, was wir sonst treiben. Deshalb erfüllt es uns mit Stolz, dass die Leute auch diese Seite unserer Band zu schätzen wissen und so aufgeschlossen sind, unseren Experimenten mit Interesse zu folgen.“

Wer die Entwicklung der Franzosen über die Zeit verfolgt hat, weiß, dass sie sich nicht festlegen und der Kreativität freien Lauf lassen. „A Perfect Absolution“ beweist es einmal mehr: „Es ist ein Klischee, doch wir fühlen uns in dem, was wir tun, völlig frei und unabhängig. Wir besitzen großen Respekt vor den Leuten, die sich mit unserer Musik auseinander setzen, aber wir denken nicht eine Sekunde darüber nach, was sie sich von uns erwarten. Stattdessen versuchen wir, ihnen unsere Ideen näher zu bringen. Alles andere scheint mir viel zu kompliziert und würde sicherlich auch nicht gut klingen. Kompromisse in dieser Richtung einzugehen oder uns einzuschränken, entspricht nicht unserem Naturell. Death Metal wird von uns mit vielen verschiedenen Stil-Elementen verbunden, wobei wir auf eine gute Balance zwischen Musikalität und Druck achten. Abgesehen davon kann alles passieren. Wir sind selbst gespannt, wie es bei uns weitergehen wird.“

Von ihrer letzten MCD haben GOROD gelernt, dass die Hörer nicht schockiert sind, wenn sie neue Dinge ausprobieren. Den Faden nehmen die Musiker direkt wieder auf: „Das stimmt. Deshalb treten meine exotischen Vorlieben auf dem Album so offensichtlich zutage“, bestätigt der Gitarrist. „Ich habe Spaß daran, zu experimentieren, wie weit ich unseren Metal in Richtung anderer Stile treiben kann, ohne dafür die Härte aufzugeben und die Leute zu sehr zu verstören. Mit dem 70er Jahre-Jazz-Funk-Intro von ,Varangian Paradise‘ oder der orchestralen Stelle im Intro von ,5000 At The Funeral‘ versuche ich, unseren Metal mit Farbe und noch mehr Emotionalität zu bereichern.“

Grenzgänger-Qualitäten

Das neue Album ist von seinem Charakter her nichtdestotrotz wütender und dichter als der 2009er Vorgänger „Process Of A New Decline“: „Die straffe und kompakte Anmutung resultiert aus der kurzen Zeitspanne, die mir für das Songwriting zur Verfügung stand“, erklärt Mathieu. „Die Tour mit Obscura, die wir gerade spielen, ist bereits vor einem Jahr gebucht worden. Damit war es gesetzt, dass unser neues Album vorher erscheinen muss. Rückwärts gerechnet, mussten das Album, Artwork und alles andere


bis Dezember 2011 fertig sein. Davor blieb wenig Zeit. Ende des Sommers standen gerade einmal zwei Songs – ,Elements And Spirit‘ und ,Sailing Into The Earth‘. Für den Oktober war das Studio gebucht. Der Hauptteil der Tracks ist in knapp zwei Monaten entstanden, wobei es von Vorteil war, dass ich ohnehin geradlinige Songs bevorzuge, die effizient und catchy sind, und die die Anderen schnell verstehen.“

Die Aufgaben innerhalb der Band sind klar verteilt, und jedes Mitglied weiß, was es zu tun hat, wie der Gitarrist erzählt: „Gewöhnlich schreibe ich die Songs alleine. Einen geteilten Arbeitsprozess gibt es anfangs nicht. Den anderen Mitgliedern bleiben aber alle Freiheiten, ihre individuellen Stärken einzubringen. Sie nehmen meine Ideen, interpretieren sie und gestalten sie aus, wie sie es für richtig halten. Erst, wenn sich Sam (Schlagzeug) und Ben (Bass) mit den Songs vertraut machen und anfangen, sich einzubringen, wird es richtig spannend. Davor sind es nur roughe Ideen, die weiteren Input brauchen. Das Bass-Spiel beispielsweise ist immer überraschend, und selbst ich weiß nie, was Ben alles einfallen wird. Glücklicherweise teilen wir ein Grundverständnis davon, was GOROD auszeichnet. Groß darüber reden tun wir nicht mehr. Dafür kennen wir uns viel zu gut, und wir vertrauen einander.“

Diese Aussage überrascht ein wenig, denn es ist noch nicht so lange her, dass die Franzosen den Fortgang von Sänger und Gitarrist kompensieren mussten. Mit der „Transcendence“ MCD stellte sich das neue Line-Up erst kürzlich vor, bevor es sich auf Tour so richtig aufeinander einspielte: „Julian ist als Sänger variabler. Früher sind wir häufig für unsere monotonen Vocals kritisiert worden. Das hat sich jetzt erledigt“, freut sich Mathieu Pascal über die letzten Neuzugänge. „Julian lässt sich auf die Emotionen und Stimmungen jedes einzelnen Songs ein und findet einen guten Weg, seine Vocals zu setzen, um den Song besser zu machen. Neben den Growls gibt es auch cleane Passagen und einige Screams im Hardcore-Stil. Im Ergebnis sind nicht nur die Vocals abwechslungsreicher – die gesamte Musik profitiert davon. Nicolas wiederum unterstützt uns als neuer Gitarrist mit seinem jugendlichen Enthusiasmus. Sein Gitarrenspiel ist sogar besser als meines. Das kann ich neidlos anerkennen. Darüber hinaus bringen diese Beiden Konstanz in unser Line-Up. Endlich scheinen wir die Besetzung zu haben, in der wir so viel touren können, wie wir es schon immer wollten.“

Apropos spielerisches Vermögen, der Songwriter von GOROD beschäftigt sich durchaus mit Musik-Theorie und den handwerklichen Aspekten seines Stils. Letztlich vertraut er aber doch auf sein Gespür: „Ich habe ein Jahr lang ganz klassisch Musik-Unterricht genossen, als ich jung war. Dabei ging es darum, die Basics zu lernen und ein Gefühl für Rhythmen zu entwickeln. Lange habe ich das allerdings nicht durchgehalten und schon bald lieber selbst experimentiert. Erst kürzlich habe ich aber ein Buch darüber gelesen, was gute Harmonien auszeichnet und wie man Akkorde spannend weiterentwickelt. Mich hat interessiert, was die Theorie zu solchen Fragestellungen zu sagen hat. Ob bzw. was ich davon künftig beherzigen werde, kann ich allerdings nicht sagen. Rein intuitiv berücksichtige ich die wichtigen Dinge ohnehin schon. Deshalb versuche ich eher, möglichst unterschiedliche Musik zu hören, um inspiriert zu werden. Überall findet man Feinheiten und Details, die es lohnen, in unseren Sound aufgenommen zu werden. Gerade dort, wo man es nicht erwartet.

Wenn man sich traut, kann man Death Metal mit fast allem kombinieren. Oftmals ist es allein eine kulturelle oder eine technische Fragestellung, ob man es umsetzt oder nicht. Damit meine ich nicht, dass viele Musiker schneller und präziser als wir spielen können. Das ist so. Mir geht es um die Methode des Songwritings und darum, eine originelle Gitarren-Technik, die man irgendwo gehört hat, auch selbst einzusetzen. Meiner Meinung nach sind die Grenzen, was Geschwindigkeit und Aggressivität anbelangt, längst erreicht. Über das hinaus zu gehen, was beispielweise Origin schon erreicht haben, erscheint mir nicht sinnhaft. Da viele Hörer mit komplexem Material vertraut sind, ist es heute einfacher, sie mit technischem Metal anzusprechen, wie wir ihn spielen. Dabei wollen wir aber nicht die schnellste, technischste oder verrückteste Band sein. Wir spielen die Musik, mit der wir uns wohl fühlen.“ Und die geht richtig gut an. Das Outfit aus Bordeaux bestätigt seine Grenzgänger-Qualitäten mit „A Perfect Absolution“ eindrucksvoll. Die Gast-Soli von Obscura’s Christian Münzner und Mike Keene von The Faceless sind die i-Tüpfelchen auf einer tollen Platte.

 
 Links:
  facebook.com/GorodOfficial
 
oben
Platte der Woche:

Die letzten Reviews:

  Clint Lowery
  Hollywood Undead
  Lorna Shore
  Oceans
  Suicide Silence

Interviews/Stories:

  The Menzingers
  Kublai Khan
  Agnostic Front

Shows:

  14.12. Any Given Day - Augsburg
  14.12. Edge Of Paradise - Bochum
  14.12. Royal Republic - Hamburg
  14.12. Erik Cohen - Kiel
  14.12. Landmvrks - Augsburg