Go There
INFOS > Interviews-Stories > Details
/ 1 2 3 6 A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W X Y Z [
Interviews/Stories gesamt: 1769

Psycroptic

Storie von: arne, am 15.02.2012 ]

Geht es um technisch ausgerichteten Death Metal aus Australien, kommt die Sprache schnell auf PSYCROPTIC. Das Quartett besteht schon eine ganze Weile und ist bereits mehrfach durch Europa getourt. 2008 markierte der letzte Longplayer „(Ob)Servant“ zugleich den Nuclear Blast-Einstand der Band. Nachschlag gibt es nun mit „The Inherited Repression“, und der geht richtig gut an. Geboten wird die eher „klassische Tech-Death-Schiene“, die ohne moderne Frickel-Kost im Sinne von Core-Zitaten auskommt, jedoch extrem und kompromisslos drückt.

 
„Wir sind lange genug dabei, um uns nicht von irgendwem oder irgendetwas beunruhigen zu lassen,“ äußert sich Schlagzeuger Dave Haley im Gespräch. „Auch Hypes beeindrucken uns nicht. In jedem Stil gibt es originelle und innovative Gruppen, jedoch weitaus mehr Nachahmer. Wir streben danach, in der Kategorie der Vorreiter zu bleiben. Mit dieser Grundeinstellung zu unserer Band haben wir alle Freiheiten. Nicht kurzzeitige Trends bestimmen unsere kreative Arbeit, sondern der Wunsch, uns immer wieder selbst zu fordern und über das hinaus zu gehen, was die Masse spielt oder wir bereits in der Vergangenheit getan haben. Über die Jahre konnten wir uns so eine treue Fan-Basis aufbauen, auch wenn wir niemals in den ganz breiten Fokus gerückt sind.“ Zu einem Signing auf Nuclear Blast hat es für das Quartett ja immerhin gereicht, und auch die Platten der Musiker erfreuen ist im relevanten Hörerkreis großer Wertschätzung. Ihre ganz ungestüme Phase haben PSYCROPTIC inzwischen hinter sich gelassen. Auf „The Inherited Repression“ wird die bissige Technik in einen verbindenden Rahmen eingebunden, der über die Integration von wuchtigen Grooves, etwas Melodie und sogar kurzen Stellen eingängigen Clean-Gesangs ein variables, sich flüssig entwickelndes Album entstehen lässt:

„Bei uns funktioniert es nicht, dass wir uns hinsetzen und ein komplettes Werk am Stück schreiben,“ sagt der Schlagzeuger im Rückblick auf den Entstehungsprozess. „Wir halten es klassisch und schreiben so lange neue Songs, bis irgendwann so viele entstanden sind, dass wir einen Longplayer veröffentlichen können. Von Stück zu Stück entwickeln wir uns und unsere Fähigkeiten weiter, so dass jedes neue besser als sein Vorgänger ist. Was es auf „The Inherited Repression“ zu hören gibt, repräsentiert unsere Interessenlage und unsere Entwicklung zwischen 2008 und 2011. Aktuell ist aber jeder einzelne Track, unabhängig davon, dass sie über den Zeitraum mehrerer Jahre entstanden sind. Sie alle werden das „Gesicht“ der Band in den kommenden Jahren sein, bis dann irgendwann ein neues Album von uns erscheint. Gegenwärtig diskutieren wir schon die ersten Ideen. Insofern wird es dieses Mal nicht wieder mehrere Jahre dauern, denke ich.“ Das ist gut zu wissen, doch für den Moment ist man mit dem Fünftwerk von PSYCROPTIC gut bedient. Angesichts der Vielzahl sich überstürzender Blastbeats, wilder Riffs und Breaks, der rigorosen Brutalität und des durchgezogenen Schlagzeug-Spiels ist man für das ausbalancierte Songwriting dankbar, das die Platte hörbar hält:

„Wir sind als Menschen und Musiker breit interessiert. Unser Sound spiegelt das das wider,“ weiß Dave Haley. „Wie am Ende alles stimmig und spannend zusammenspielt, ist mir bisweilen immer noch ein Rätsel, aber es funktioniert. Noch besser ist es, dass es viele Leute gibt, die mit uns etwas anfangen können. Was wir als PSYCROPTIC tun, ist aufrichtig und über die Jahre gewachsen. Unseren Stil passen wir nicht an, um irgendwem zu gefallen. Die Kontraste unserer Songs zwischen Groove, Brutalität, Düsternis und lichten Momenten bieten etwas für unterschiedliche Geschmäcker. Leute, die mit uns nichts anfangen können und nicht auf uns reagieren, motivieren uns, noch härter zu arbeiten und so beim nächsten Mal auch sie auf unsere Seite zu ziehen. Dass sich die Szene und die Vorlieben der Hörer beständig verändern, schätze ich sehr. So bleibt alles lebendig und die Leute bekommen immer wieder etwas Neues geboten. Stagnation will schließlich niemand. Deshalb ist es wichtig, dass man sich auch außerhalb der Szene, in der man selbst verortet ist, inspiriert und Neuem gegenüber offen eingestellt bleibt. Wir sind es und behaupten auch deshalb unseren Platz in der Szene. Sollten wir uns irgendwann alt und nicht mehr verstanden fühlen, geben wir auf, doch diesen Tag werde ich hoffentlich nie erleben.“

Mit Mut voran

Bislang bewegen sich die Australier im grünen Bereich. Sie spielen ihren extremen Death Metal nicht zum Selbstzweck, sondern betten ihn in einen ganzheitlichen Kontext ein. Die aggressive Attitüde der Platte wird jedoch niemals in Frage gestellt, wenn die Australier ihre ganze Routine im Umgang mit anspruchsvollen Frickel-Tracks ausspielen: „Es hilft uns sicherlich, dass wir immer ein wenig außerhalb des Wettbewerbs gestanden haben,“ vermutet der Drummer. „Wir sind auf jeder Show willkommen und kennen keine Berührungsängste, sofern es sich um Metal handelt. Ich höre und lebe mit hartem Metal seit meiner Kindheit und meine Begeisterung hat niemals nachgelassen – ob nun


für Death-, Black- oder traditionellen Metal. Natürlich braucht man Mut, sich vor unterschiedlichen Fan-Gruppen zu beweisen, doch den bringen wir mit. Die Leute erkennen es an, wenn Bands das spielen, was sie lieben. Jedenfalls haben wir damit Erfolg und keinen Grund, etwas zu verändern.“

Mit einer modernen und kompromisslosen Einstellung treiben PSYCROPTIC das Material von „The Inherited Repression“ voran, bleiben dabei songdienlich und hörbar ausgerichtet: „Es gibt nichts Besseres, als unterschiedliche Stile und Elemente zusammen zu werfen, denn so hat man alle Freiheiten und unbegrenzte Kombinationsmöglichkeiten, mit denen man sich ausleben kann. Als verbindende Klammer fungiert Heavy Music, auch wenn mindestens die Hälfte dessen, was wir privat an Musik hören außerhalb des Metal zu verorten ist. So lernen wir frische Ideen kennen, die wir in unseren Stil einfließen lassen können. Auf diese Weise ist unser musikalischer Horizont mit der Zeit immer weiter gewachsen. Unseren Metal-Wurzeln bleiben wir treu, doch ein gutes Riff ist in jedem Fall ein gutes Riff – ganz unabhängig vom Genre. Das muss man sich klar machen.“ Was die grundlegende Einstellung zum extremen Metal anbelangt, fühlt sich der Musiker mit seinen Kollegen bei Sylosis, Obscura und Decrepit Birth verbunden, auch wenn diese Bands letztlich alle eine eigene Interpretation technischer Death-Klänge anbieten und sich permanent auf der Suche nach neuen Sounds und Stilkombinationen befinden:

„Bei aller Weiterentwicklung muss man im Blick behalten, wie weit man gehen will bzw. kann. Bisweilen steht man vor der Frage, ob das, was man plant, im Kontext der Band noch funktioniert, oder ob man nicht besser ein weiteres Projekt starten sollte. Als Künstler ist man später als die Hörer an diesem Punkt, und das kann gefährlich sein. Wie oft ist es schon passiert, dass eine Band, die vergöttert wird, völlig neue Elemente in ihren Sound integriert oder abgefahrene Dinge ausprobiert – aktuell läuft es diesbezüglich immer auf Elektronik oder Dance- und Rave-Sounds hinaus – und die Fans denken „Mann, hätten sie das bloß sein lassen. Es klingt Scheiße.“ Als Musiker muss man entweder ein gutes Gespür dafür besitzen, was geht, oder sich von solchen Überlegungen entkoppeln und einfach machen. Das tun wir mit PSYCROPTIC.“ Dabei kommt der cleveren Kombination aus komplexer Rhythmik und einfachem Prügeln eine besondere Rolle zu. Nur diese ermöglicht es dem Quartett, auf seinem „The Inherited Repression“ gleichsam kompromisslos, brutal und intensiv aufzutreten: „Wir sind heute als Menschen und als Musiker erfahrener,“ weiß der Schlagzeuger. „Mit 16 Jahren war ich noch engstirnig und haben nicht nach rechts oder links geschaut. Damals gab es für mich ausschließlich brutalen Death Metal und nichts anderes. Heute, im Alter von 31, beschäftige ich mich ganz bewusst mit anderen Stilen und lerne ihren Wert schätzen, was den Aufbau von Kontrasten und Dynamik anbelangt. Isst man jeden Tag dasselbe, schmeckt es irgendwann nicht mehr, egal, wie gut es ist. Mit Musik ist es nicht anders. Für mich ist es spannend, dass unsere Interpretation des Heavy Metal jedes Mal ein Stück weit anderes ausfällt, wenn wir neue Songs schreiben. Mit Mut und Inspiration können wir die Grenzen so verschieben, wie es uns beliebt. Voraussetzung dafür ist es, dass wir uns in der Gruppe darauf verständigen, welche Ideen wir weiter verfolgen wollen und welche nicht. Danach ist die Arbeit an neuem Material ein beständiger Kampf mit unseren Fähigkeiten, an dem wir viel Spaß haben. Und gerade darum geht es ja. PSYCROPTIC bestehen, weil wir Metal lieben. Wir müssen niemandem außer uns selbst etwas beweisen. Geld verdienen wir mit der Band keines. Uns geht es um Selbstverwirklichung und darum, als Musiker bestmögliche Arbeit abzuliefern.“

„Das tun die Australier, wobei der positive Eindruck von „The Inherited Repression“ durch eine natürliche, nicht zu klinische Produktion verstärkt wird: „Da unser Gitarrist Joe, mein Bruder, das Album in seinem Studio aufgenommen hat, blieb viel Zeit zum Ausprobieren und Weiterentwickeln der Song-Ideen. Ein fokussiertes Einspielen der Songs gab es nicht, auch wenn wir Zeit und Kosten im Blick behalten haben. Das dynamische, starke Ergebnis zeigt uns, dass es sich ausgezahlt hat.“ Mit ihrem Fünftwerk belegen PSYCROPTIC ein reifes Bewusstsein für die Wirkungsmechanismen ihrer Spielart. An rüden Blastbeats, roher Aggressivität und vielerlei Frickel-Kost lässt die Band aus Australien keinen Mangel aufkommen, und das zeichnet sie aus.

 
 Links:
  myspace.com/psycroptic
 
oben
Platte der Woche:

Die letzten Reviews:

  Aleister
  Beneath The Massacre
  Regarde Les Hommes Tomber
  Sylosis
  Eizbrand

Interviews/Stories:

  Spoil Engine
  Une Misere
  Eskimo Callboy

Shows:

  20.02. Engst - Wiesbaden
  20.02. Erik Cohen - Dortmund
  20.02. Beartooth - Munchen
  21.02. Beartooth - Oberhausen
  21.02. Engst - Weinheim