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The Haunted

Storie von: arne, am 05.02.2003 ]

Paris, Mailand und Brüssel hießen die Stationen der Promotion-Tour von THE HAUNTED-Kopf Jensen, bevor er schließlich auch in Berlin verweilte. Trotz vieler Interviews und angegriffener Stimme präsentierte er sich als gutgelaunter und redefreudiger Gesprächspartner. Nichts brachte ihn bei seinen, teils sehr ausführlichen, Antworten aus dem Konzept; nicht einmal die permanenten Anrufe auf seinem Handy.

 
Neben allen Interviews galt es per Telefon die anstehende Tour zum neuen Album ”One Kill Wonder” zu organisieren, die im April über die Bühne gehen wird. Neben dieser dritten Platte der Schweden erscheint mit "Caught on Tape" auch die erste, offizielle DVD. Viel zu tun also, aber alles der Reihe nach. Zunächst zum neuen Album, das elf Stücke umfasst.

”One Kill Wonder” ist eine Killer-Platte. An diesem Wortspiel kam ich einfach nicht vorbei, aber es trifft die Sache im Kern. Das Album ist sowohl aggressiver und härter als sein Vorgänger “The Haunted Made Me Do It“ (Earache, 2000), aber gleichzeitig auch melodischer und runder. Das ist zumindestens mein Eindruck. Für das eigene Genre, ich siedle THE HAUNTED im Thrash Metal an, ist es bisher das Album des Jahres, keine Frage. “One Kill Wonder” klingt abwechslungsreicher, interessanter, dreckiger und direkter als seine beiden Vorgänger. Es liegt zweifelsfrei näher am Live-Sound der Band und ist eine offene Einladung zum Headbangen.

Es ist so ein Bastard von einem Album, das einen von Beginn an einnimmt und nicht wieder loslässt. Zu einem Großteil liegt es sicherlich auch daran, dass ex- Face Down- Shouter Marco Aro diesmal um einiges angepisster und bösartiger klingt. Kommt gut. Natürlich finden sich wieder eine Vielzahl verrückter Riffs erster Güteklasse, aber das versteht sich bei THE HAUNTED von selbst. Im zehnten Song ’Bloodletting’ findet sich gar ein Battle zwischen Mike Amott von Arch Enemy und Anders Björler. ”One Kill Wonder” ist ein kompaktes Werk, das man am Stück hören muss. Mit jedem weiteren Song zieht es tiefer in seinen Bann. Der eigene Adrenalin-Spiegel steigt kontinuierlich bis er mit dem Titeltrack und zugleich letzten Stück seinen Höhepunkt erreicht.

Meine erste Frage an Jensen zielte in Richtung Line-Up, schließlich haben THE HAUNTED schon etliche Veränderungen kompensieren müssen. Im letzten Jahr war gar Anders Bjorler kurzzeitig ausgestiegen um wenig später wieder zurück zu kehren: „Anders verließ uns, weil wir in Support von „Hanted Made Me do it“ ca. 190 Shows gespielt hatten. Auf Tour erlebt man immer wieder richtig beschissene Tage; kein Essen, es ist kalt, man traut sich nicht auf’s Klo, weil die total abgeranzt sind, so etwas eben. Er ist seit etwa ’85 Musiker, hat aber noch eine zweite große Leidenschaft; Filme. Er wurde auf unserer Filmhochschule angenommen, auf der es für jährlich 1.700 Bewerber nur 30 Plätze gibt. Er wurde angenommen und musste es einfach versuchen. Glücklicherweise kam es, wie es kommen musste: Erst, wenn man etwas Wichtiges aufgibt, merkt man, wie viel es einem bedeutet hat. Anders kam also zurück; studiert aber nebenher weiter. Er ist mit Vielem schon vertraut, weil er seit Jahren Fachliteratur und themenspezifische Bücher liest. So kann er Studium und das viele Touren vereinen. Für uns als Band ist es natürlich großartig zwei Alben im gleichen Line-Up eingespielt zu haben.“

”One Kill Wonder” könnte das letzte THE HAUNTED- Album auf Earache sein, aber Anders lässt die Option für eine weitere Zusammenarbeit bewusst offen. Die Band hatte ja niemals auf Earache unterschrieben; vielmehr galt es den „At The Gates plus drei Deal“, wie ihn der Gitarrist nannte, zu erfüllen: „Sie haben uns ja schlichtweg gekidnappt. Ich habe die Band gegründet und aufgebaut und sie haben das einfach genommen. Es war anfangs schon eine schwierige Sache. Mit den Jahren hat sich das gebessert. ”One Kill Wonder” wird gerade erst veröffentlicht. Warten wir ab, was passieren wird. Im Moment fühlen wir uns stark unterstützt. Es läuft deutlich besser als zu Beginn.“ Genau genommen ist das neue Album sogar schon die vierte Platte auf Earache, war doch 2001 mit 'Live Rounds in Tokyo' noch ein Live-Album erschienen, das ein wenig untergegangen ist: „Es hat einfach nicht gezählt.“ erklärt mir Jensen auf Nachfrage: „Wir haben versucht, das durchzusetzen, aber Earache hat es nicht gelten lassen. Im Vertrag gab es irgendeine Klausel, die es verhinderte. Damit haben wir uns schließlich abgefunden.“

“The Haunted Made Me Do It” wie auch ”One Kill Wonder” sind zynische Album-Titel, mit denen die Schweden wohl auch bewusst provozieren wollen. Auch wenn ich es fasst nicht glauben konnte, erklärte mir Jensen, dass die Titel bisher noch nicht zu Missverständnissen oder Zensur-Problemen geführt hätten. Hat wirklich jeder den Zynismus verstanden? Ich glaube kaum:

„Sicher ist es vorstellbar, aber ich habe noch nicht gehört, dass es jemand nicht verstanden hat. “The Haunted Made Me Do It“ ist doch eindeutig und schnell zu erschließen. Das ganze Konzept mit den Serienkillern auf dem Cover war eigentlich kaum missverständlich. Gewaltverbrechen sind natürlich schrecklich und wir fühlen mit den Opfern und deren Familien. Es ging uns nicht darum die Taten zu glorifizieren. Wir haben vielmehr versucht das zu hinterfragen. Hört ein Serienkiller Metal, ist es doch nicht die Schuld der Musik. Selbst Marilyn Manson kann man nichts vorwerfen. Es gibt bestimmt hunderte Täter, die Abba hören. Abba wurden niemals zur Verantwortung gezogen. Wir haben versucht die Sichtweise der Leute zu verändern und einen Teil der Schuld auf uns zu ziehen. Es passierte aber rein gar nichts. Mit dem neuen Album setzen wir das Konzept fort. „One Kill Wonder“ ist natürlich von “One Hit Wonder” abgeleitet. Wir sind keine Band mit politischem Anspruch und wollen den Leuten nicht vorschreiben, was sie tun sollen. Dennoch möchten wir auf einige Tatbestände hinweisen und zum Nachdenken anregen. In einigen Fällen muss man einfach nur ein Stück weiterdenken und die Sache erschließt sich von selbst.“

Nun setzt Jensen zum globalen Rundumschlag an, aber warum auch nicht. Ich finde es gut, dass eine Band die eigenen Möglichkeiten und die eigene Umwelt hinterfragt,

gar Bezug auf aktuelle Geschehnisse nimmt. Im „true Metal“ scheint mir das nicht unbedingt verbreitet:

„Nehmen wir den modernen Sensations-Journalismus, wie ihn CNN praktiziert. Der Sender trägt Kriege und Leid in die Wohnzimmer dieser Welt; hoffentlich nicht bald auch den nächsten Irak-Krieg. „One Kill Wonder“ - Journalisten sind wie wir auch. Sie wollen niemanden sterben sehen, aber es bezahlt ihre Rechnungen. Sehen sie, dass in New York jemand auf besonders dramatische oder obskure Weise getötet wird, fragen sie sich, ob sie es mit einem „One Kill Wonder“ zu tun haben, oder ob es mehr ist. Im letzten Sommer gab es diesen Washington Sniper, der über zehn Leute getötet hat. Furchteinflößend, aber es war super für das Presse-Geschäft. Die Leute kauften mehr Zeitungen denn je und schauten ununterbrochen TV, sogar der Killer selbst. Er reagierte auf Meldungen und interagierte mit der Presse. Wer ist nun aber dafür verantwortlich, dass Gewalt zur Unterhaltung bzw. einer Doku-Soap wird? Im TV gibt es ja schon Fortsetzungen. Sie sagen, die Leute hätten ein Recht darauf, das alles zu wissen. Das ist Quatsch, sage ich.“

Wie gesagt, THE HAUNTED bekennen sich zu ihrem Teil der Verantwortung und hinterfragen das eigene Konzept. Dabei ist den Musikern durchaus bewusst, dass viele Fans solche Fragen außer Acht lassen und allein an aggressiver Musik interessiert sind: „Natürlich ist “One Kill Wonder“ auch ein cooler Titel. Wer nicht weiter darüber nachdenken will, muss es auch nicht. Das ist okay für uns. Man sollte aber schon wissen, dass dahinter ein Konzept steht.“

Das Artwork mit dem verschnürten Leichnam bezieht sich auf das der vorangegangenen Scheibe: „Da hatten wir viele Serienkiller und diesmal gibt es nur ein Opfer.“ Kurz und bündig, aber auf den Punkt gebracht. Zu sehen ist übrigens der Designer der Band. Das Album wurde im Studio Fredman in Gothenburg eingespielt und von Fredrik Nordstrom (In Flames, Arch Enemy, At the Gates) produziert. Die Entstehungsgeschichte der Platte wurde dabei von ganz besondern Umständen begleitet:

„Wir begannen Mitte und waren Ende September fertig. Es war wirklich hart. Unser Proberaum ist in einem Industriegebiet. Es ist ein altes Holzhaus mit Blechdach ohne Fenster und ohne Lüftung. Unser Raum befindet sich auf der Südseite, also hatten wir von Mittag bis Abend Sonne. Es war der heißeste Sommer der letzten 160 Jahre und es gab nicht einen Tropfen Regen. Draußen waren 35 Grad und bei uns im Proberaum waren es 42 Grad. Wir saßen in unseren Shorts da und haben versucht uns auf die Songs zu konzentrieren. Wir wussten, dass wir gutes Material haben und wollten es aufnehmen. All unsere Freunde waren am Strand oder ihren Gärten und wir sperrten uns selbst in dieser Hölle ein. Manchmal habe ich so geschwitzt, dass ich mein Plek nicht mehr halten konnte. Das frustriert natürlich, weil man nicht vorankommt. Darauf hätten wir gut und gerne verzichten können. Wir werden nie wieder im Sommer aufnehmen.“

Dennoch oder gerade deshalb ist es ein ganz besonderes THE HAUNTED- Album geworden, auch dadurch bedingt, dass die Musiker mit anderen Ansprüchen, Erwartungen an die dritte Platte gingen. Das Echo auf die neuen Songs ist erwartungsgemäß verschieden:

„Jeder hört etwas anderes und das ist spannend. Die einen sagen mir, es sei unser bisher melodiösestes Album und die anderen streiten es ab. Mehr kann man als Künstler nicht erreichen. Hört man nur eine Seite, ist es schnell langweilig und eine Band wird berechenbar. Bei uns gibt es die verschiedensten Aspekte. Es gibt sowohl melodische Songs, als auch richtig heavige Songs. Die brutalen Songs sind diesmal sogar noch brutaler. Das erklärt sich aus unserer Entwicklung. Beim ersten Album wussten wir noch nicht, wohin wir wollten. Wir hatten einfach Spaß und spielten Thrash-Riffs. Dann kamen zwei neue Mitglieder hinzu und das zweite Album erschien. Vor allem unser neue Drummer hatte einen gewichtigen Einfluss. Wir wurden aggressiver und spielten ein nahezu perfektes Album ein. Man hört nicht einen Fehler; es ist glasklar und trocken. Genau das ist mein Problem mit dem Album. Ich komme aus einem AC/DC, Motörhead- Background und denke, ein Sound muss auch ein wenig schmutzig klingen, mit einem gewissen Punk-Feeling, wie man es von Discharge her kennt. Auf den Konzerten erzählen uns die Leute immer, das unsere Alben zwar unglaublich sind, wir aber live noch besser klingen. Mit dem neuen Album haben wir versucht das einzufangen. Natürlich konnten wir das Album nicht in einem Take einspielen, denn dafür ist kaum noch ein Studio ausgelegt. Als Per aber die Drums eingespielte, waren wir alle mit im Studio und haben auch gespielt. Es war eher wie eine Probe. Es war Teamwork, wie beim Fußball. Wir waren alle zusammen und deshalb klingt alles relaxter. Im Ergebnis steht ein neuer Sound. Fredrik hat uns fast ausgelacht und gesagt, wir seien die einzige Band, die in ein teures Studio geht um wie im Proberaum zu klingen. Das war uns egal, denn genau wollten wir.“

Zum Thema Slayer- Einflüsse noch Folgendes: „Ich bin eigentlich mehr Dark Angel-inspiriert. Die Leute erinnern sich heute leider nicht mehr an diese Band. Der Anfang von ’Bloodletting’ ist Dark Angel, und das Intro des letzten Albums war es auch. Das hat ja schon der Titel ’Dark Intentions’ gesagt. Die Zeitungen sprachen ausschließlich von einem Slayer- Opening, aber es ist nun mal Dark Angel.“

„One Kill Wonder“ ist das bisher beste THE HAUNTED-Album. Das steht für mich außer Frage. Die Scheibe rotiert bei mir, seitdem ich sie aus dem Briefkasten gefischt habe. Jedes Mal bin ich aufs Neue erstaunt, wie rund und druckvoll das Werk ausgefallen ist und wie sehr es mich aufputschen kann. Die Schweden sind mehr als nur ein „One Hit Wonder“ aber das wussten wir ja schon.
 
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