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Placenta

Interview von: Arne mit Tobi, am: 14.11.2011 ]

Auf der im letzten Herbst vorgelegten „Brutalis“ MCD frönten die Berliner noch ausgiebig dem extremen und brachialen Ende ihres Band-Sounds. Der dritte Longplayer ihrer Karriere knüpft nun wieder stärker an die ausgewogene und verbindende Anlage des 2009er „Fixed Action Pattern“ an. In ihrer mehr als elf Jahre währenden Karriere haben PLACENTA bereits eine Menge ausprobiert und erlebt. Die Wurzeln im Punk ließen die Musiker schnell hinter sich, um fortan das Feld zwischen Metal- und Deathcore auszuloten und mit Alternative-Rock-Passagen und Clean-Vocals zu kombinieren. Diese Mischung bestimmt „Replace Your Face“, mit dem die Hauptstädter ihr bislang stärkstes Release verbuchen.

 

Musicscan: Vergleicht doch bitte eingangs eure Vorstellungen dessen, was ihr euch von der Band vor Jahren bei der Gründung erhofft habt mit dem, was sich euch heute bietet: Hättet ihr jemals gedacht, dass ihr mit Placenta mal derart weit kommen würdet und so lange durchhaltet?

Placenta: Als wir vor über 11 Jahren angefangen haben mit dieser Band Musik zu machen, haben wir uns über sowas überhaupt keine Gedanken gemacht. Mit der Zeit wuchsen die Ambitionen und man träumt natürlich als junger Mensch vom großen Erfolg. Die meisten der Ziele, die wir uns gesteckt haben, haben wir mittlerweile erreicht. Allerdings hat die Realität nicht mehr viel mit den einst so unerreichbar scheinenden, romantisierten Vorstellungen zu tun. Erfolg im Stile amerikanischer Vorbilder ist in Deutschland leider nicht möglich. Was unsere Hartnäckigkeit angeht, ist die Antwort einfach: wir können uns bei PLACENTA musikalisch vielfältig verwirklichen und kennen mittlerweile garnichts anderes mehr;)

Musicscan: Den Bandnamen habt ihr euch damals noch als Punk-Band gegeben, in der Folge den Stil aber arg verändert. Warum habt ihr aber an Placenta als Namen festgehalten? Was bedeutet er euch gerade im Kontext zur jetzigen musikalischen Aufstellung als Band?

Placenta: Wir haben tatsächlich mal darüber nachgedacht, den Namen zu ändern. Allerdings sind wir zu dem Entschluss gekommen, uns treu zu bleiben und nicht den einfachen Weg vieler anderer Kollegen zu gehen, die mit Hilfe eines nominellen Neuanfangs versuchen, mit einem vermeintlich freshen Produkt schnellen Erfolg zu ernten. Mittlerweile sind wir nur noch stolz auf unseren Namen. PLACENTA sind wir, egal welche Musik wir machen. Das Produkt hat mittlerweile die provokante biologische Bedeutung längst überholt.

Musicscan: "Replace Your Face" ist bereits vor einigen Wochen veröffentlicht worden. Beschreibe doch bitte mal das bisherige mediale Feedback, das ihr auf die Platte hin erhaltenen habt. Deckt sich das Ergebnis mit dem, was ihr euch von der Platte erhofft habt oder seid ihr (wie?) überrascht worden?

Placenta: Die Reaktionen waren durchweg sehr positiv. Allerdings haben wir das auch erwartet. Wir sind sehr stolz auf das neue Album und im Fall eines negativen Feedbacks hätten wir wohl unseren Glauben an die Durchsetzungsfähigkeit von Qualität in der Musikbranche vollends verloren. Aufgrund der völligen Überflutung des Marktes hält sich jedoch die Tragweite dieser Reaktionen in Grenzen. Die Wahrnehmung von Erfolg ist immer subjektiv. Wir haben uns unsere eigene Lieblingsplatte geschaffen. Mit etwas mehr Geld und Vitamin B könnten wir auch mehr Hörer überzeugen.

Musicscan: Mich würde interessieren, ob euch mediales Feedback überhaupt wichtig ist: Achtet ihr darauf, was über Placenta und eure Alben geschrieben wird oder ist euch das eher egal? Nur mal hypothetisch: Würdet ihr vermehrt aufkommende Kritik vielleicht sogar als Auslöser für eine dezente Stilkorrektur verwenden?

Placenta: Grundsätzlich sind uns die Reaktionen natürtlich nicht egal. Wir machen ja nicht nur Musik für uns in unserem Kämmerlein. Auch wir suchen Bestätigung – nicht nur auf der Bühne. Wenn wiedermal irgendein selbstverliebter, beschränkter Hobby- Musikkritiker nicht in der Lage ist, Musik innerhalb ihres stilistischen Rahmens zu betrachten, muss man sich schon zusammenreißen. Allerdings versöhnt uns dann wieder das überschwängliche Feedback unserer Fans. Musikstilistisch machen wir schon immer das worauf wir Bock haben ungeachtet von Trends oder Vermarktungspotenzial. Eine der wichtigsten Eigenschaften ist Individualität. Wer sein Segel nach dem Wind hängt hat schon verloren.

Musicscan: Wie wichtig ist Bestätigung für euch als Band? Seht ihr es als selbstverständlich an, Feedback von euren Anhängern einzufordern oder ist es am wichtigsten für euch, einzig und allein genau das zu tun, was sich richtig anfühlt - ganz gleich, was andere davon halten?

Placenta: Ich denke, beides ist wichtig. Man sollte grundsätzlich die Musik machen, die einem am besten gefällt. Wenn jedoch auf lange Sicht jegliches Feedback negativ ist, sollte man sich Gedanken machen;)

Musicscan: Im direkten Vergleich zu den früheren Sachen ist "Replace Your Face" eine Platte, die meiner Ansicht nach weit kompakter und dichter geworden ist. Auch wirkt sich insgesamt ausbalancierter, was die Mischung der Zutaten anbelangt. War dies eine bewusste Entwicklung oder ist das eine Entwicklung, die sich schlicht und ergreifend so ergeben hat?

Placenta: Beides. Ich würde sagen, die Entwicklung zum erforderlichen Bewusstsein, um entsprechend zu komponieren, hat sich mit der Zeit ergeben.

Musicscan: Ich finde, dass die Songs auf der einen Seite härter ausfallen, dass viele Passagen jedoch auch melodischer und griffiger geworden sind. Wenn ihr das selbst beurteilen würdet - wo seht ihr die wichtigsten musikalischen Unterscheidungspunkte zu den zuvor veröffentlichten Sachen?

Placenta: Wenn man sich bewusst macht, dass „Brutalis“ nur ein musikstilistisches Experiment war, sind die Unterschiede zu „Human Abyss“ und „Fixed Action Pattern“ gar nicht so groß. Wir haben schon damals versucht, Härte und Harmonie zu mischen. Mittlerweile haben wir unser Songwriting und die spielerischen Fähigkeiten einfach weiter optimiert. Der gravierendste Unterschied ist wahrscheinlich der Rock- Einschlag, der unsere Spielfreunde belebt und unsere Variabilität bereichert hat.

Musicscan: Seit der Veröffentlichung von "Brutalis" ist nicht viel Zeit ins Land gezogen. Wie kommt es, dass ihr schon wieder in der Lage seid, ein komplett neues Album zu veröffentlichen? Waren einige der Songs schon geschrieben oder habt ihr euch voll und ganz auf die Band konzentrieren können?

Placenta: In der Zeit, die zwischen Songwriting und Veröffentlichung vergeht, hat man sich meistens schon an die neuen Songs gewöhnt. Da dauert es nicht lange, bis man wieder Bock auf was neues hat. Mit einigen kleinen Ideen im Gepäck haben wir uns ein Ziel gesteckt und dann konzentriert darauf hingearbeitet. Wenn die Songwriting- Maschinerie erstmal läuft, dann hat man ruck-zuck ein Album zusammen;) Ich stehe drauf, wenn ein Album in kurzer Zeit geschrieben wird, weil dadurch alles wie aus einem Guss wirkt.

Musicscan: Ihr vereint auf eurem neuen Album die verschiedensten Stile. Einerseits wäre das Death Metal, Metalcore, Deathcore, aber auch tendenziell Alternative-Rock. In welcher dieser Szenerien seht ihr euch hauptsächlich oder erhebt ihr keinen Anspruch darauf, in eine bestimmte Schublade passen zu müssen?

Placenta: Wir legen sogar Wert darauf, nicht in eine Schublade zu passen! Wir sind in der „harten Musikszene“ zuhause. Die deutsche Kategorisierungswut nervt da schon manchmal.

Musicscan: Ist es für Placenta eher motivierend oder störend, zu großen Teilen in den Topf von MetalCore und Deathcore geworfen zu werden? Mich würde interessieren, ob ihr eure Musik in der Tradition / Denke dieser Stile seht, und welche Bands ihr insgesamt für eure musikalische Sozialisation als wichtig erachtet.

Placenta: Eine gewisse Zuordnung ist leider unerlässlich um besser wahrgenommen und bewertet werden zu können. Wir haben bei „Brutalis“ DeathCore- übliche Mittel verwendet, also waren wir DeathCore. Jetzt haben wir Metal und Hardcore Riffing mit soften Refrains, also sind wir MetalCore. Das Problem bei den Kategorisierungen ist die Elitisierung eines Stils. Eine neue Sache wird entdeckt, bis zum erbrechen im Sinne eines Ideals kopiert und stirbt. Der Stil liegt primär im Auge des Betrachters. Ich denke, dass wir aus diesem Schema herausfallen, da wir nicht wie viele andere Bands meist schon bei der Gründung auf einen Trend aufgesprungen sind. Es gibt unzählige Bands, die uns in unserer Sozialisation beeinflusst haben. Meine wichtigsten waren dabei wahrscheinlich Die Ärzte, Metallica, Refused, System Of A Down, Fear Factory und Japanische Kampfhörspiele.

Musicscan: Würdet ihr mir zustimmen, wenn ich behaupten würde, Placenta sind eine Metal-Band mit einer Core-Ethik? Welche Attitüde liegt euren Bandaktivitäten zugrunde? Wie lässt sich das in Worte fassen?

Placenta: Ich würde sagen, wir vertreten eher eine Metal- Ethik. Im Metal sind Zusammengehörigkeitsgefühl und Toleranz größer. Man hat einfach Spaß und feiert die Musik. Man muss sich nicht zwangsläufig einem pervertiertem Ideal entsprechend darstellen. Die Grundidee des Hardcore ist eine schöne, sie wurde jedoch durch Kommerzialisierung und Elitisierung zerstört.

Musicscan: Deckt sich das Ergebnis "Replace Your Face" mit euren Vorstellungen, wie die Platte werden sollte, als ihr ins Studio gegangen seid? Stand das Album schon komplett, als ihr angefangen habt, aufzunehmen?

Placenta: Wie eine Platte wird wenn sie fertig ist, kann man nur bedingt einschätzen. Man ist sich des Potenzials bewusst, lässt sich aber überraschen. 90% des Materials war schon konkret, der Rest entsprang spontaner Inspiration. Das Endergebnis hat unsere Erwartungen noch übertroffen.

Musicscan: Was steht in der näheren Zukunft bei Placenta an, und was wollt ihr abschließend noch loswerden?

Placenta: Im Frühjahr ist eine Tour geplant. Bis dahin genießen wir das Erreichte, machen die Musik, die wir lieben und kümmern uns um unser restliches Leben;) Unterstützt eure lokale Szene! Zeigt Respekt gegenüber den Bands die für euch spielen! Erweitert euren musikalischen Horizont!

 
 Links:
  myspace.com/placentametal
 
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