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Biohazard

Storie von: arne, am 27.01.2003 ]

Die neue Heimat Steamhammer/SPV scheint Biohazard gut zu bekommen, denn die nach dem letztjährigen "Uncivilization" erscheint dieser Tage mit "Kill Or Be Killed" bereits das zweite Album der Brooklyner auf dem Verlag. Derart produktiv war das New Yorker Quartett in den Jahren zuvor nicht. Das neue Werk ist wieder ein richtiger Killer geworden, auch wenn es im Prinzip nicht viel Neues zu hören gibt. Biohazard erfinden sich natürlich nicht neu, bauen aber die eigenen Stärken weiter aus und klingen vielleicht eine Spur moderner.

 
Von Beginn an fällt auf, dass der Sound noch einmal fetter geworden ist; die Produktion noch druckvoller kommt. Die Jungs haben wieder in den eigenen Rat Piss Studios gearbeitet und selbst Hand angelegt um ein Höchstmaß an Kontrolle zu behalten und die eigenen Visionen gezielter umzusetzen. Was sich auf der letzten Platte andeutete, wird mit dem neuen Album konsequent fortgeführt. Die Songs gehen durchweg ein noch höheres Tempo und werden immer wieder durch die obligatorischen Groove-Mosh-Parts abgefedert, wobei es weniger als auf der letzten Platte sind. Auch sind diesmal keine Gastmusiker auf der Scheibe vertreten. Das Aggressions-Level liegt auf "Kill Or Be Killed" deutlich höher und die Brooklyner waren richtig sauer, was nicht allein durch die Geschehnisse des 11.September bedingt war. Es hatte sich einiges angestaut, das raus musste.

Vincent Carmine, im letzten Frühling als Ersatz für Leo Curley zur Band gestoßen, feiert als Gitarrist einen guten Einstand. Mit ihrem neuen Album sind Biohazard wieder näher an den Hardcore herangerückt und verzichten auf Ausflüge in Richtung Hip Hop. Alles wirkt eine Spur rauer und ungestümer als auf den letzten Platten. Die Live-Feuertaufe hat das neue Material bereits bravourös bestanden. Auf der Resistance Tour im November/Dezember wurden bereits einige der neuen Stücke vorgestellt, die beim Publikum, zumindestens hier in Berlin, sehr gut ankamen.

"Kill Or Be Killed" ist vielleicht das bisher reifeste Album der New Yorker und nicht nur für Diehard- Fans der Band zu empfehlen. Mit Sicherheit wird es einen ebenso legendären Stand wie die frühen Scheiben "Urban Discipline" und "State Of The World Address" einnehmen.

Kurz vor der Show im Berliner Casino hatte ich Gelegenheit ein Gespräch mit Gitarrist/ Shouter Billy zu führen. Im Gegensatz zum Jahr zuvor zeigte sich Billy gut gelaunt und gesprächsfreudig. Das lag vor allem am fetten Tourpackage, das Biohazard Abend für Abend zu ungeahnten Höchstleistungen anspornte, wie der New Yorker zu berichten wusste:

„Es ist die beste Tour, die wir jemals gespielt haben. Wir teilen uns die Busse, haben Spaß, trinken zusammen Bier und das einzige, was wir nicht teilen würden, wären wohl die Frauen, wenn es welche gäbe. Es ist einfach fantastisch und wie ein harter Wettbewerb für jeden, der dabei ist. Wir schauen uns immer alle anderen Bands an und stacheln uns so immer stärker an. Das ist so auf jeder einzelnen Show. Mit jeder weiteren Band kann ich es kaum noch erwarten endlich die Bühne zu stürmen. Der Energieschub ist unglaublich. Wenn ich dann auf die Bühne komme, fühle ich mich unglaublich. Die Show ist dann ungemein intensiv, geladen und ein Selbstläufer. Es pusht mich jeden Abend von Neuem und so etwas habe ich zuvor noch nie erlebt.“

Die Tour spielten Agnostic Front, Hatebreed, All Boro Kings, Discipline, Born From Pain und eben Biohazard: „Wir spielen zuletzt; aber ich sehe uns nicht als Headliner. Das würde den anderen Bands nicht gerecht werden. Wir wuchsen mit den Songs von Agnostic Front auf und hören Hatebreed nun auch schon seit Jahren. Beide Bands sind ebenso wichtig wie wir und beide haben den Sound von Biohazard maßgeblich beeinflusst. Born From Pain kannte ich vorher nicht, aber es ist eine vielversprechende Band, von der man noch viel hören wird. Mit Discipline spielten wir schon vor ca. fünf Jahren und aus ihnen ist eine fantastische Band geworden. Ihre Songs sind unglaublich catchy und ich singe jeden Abend mit. Na und die All Boro Kings sind wie alte Dog Eat Dog. Erinnerst du dich noch an Dog Eat Dog? Als ich jünger war, fiel mir das Demo-Tape in die Hände und ich brachte es zu Roadrunner, weil mir die Band sagte, das Label würde nicht reagieren. Ich ging also zum europäischen Roadrunner und sie signten Dog Eat Dog. Später gewannen sie einen MTV Music Award als beste neue Band. Mit ihnen verbindet mich sehr viel.“

Auch das ganze Tourkonzept trifft bei Billy auf volle Zustimmung. Ging im letzten Jahr die Tour noch im Dreier-Pack von Maximum Penalty, Breakdown und Backfire! über die Bühne, ist die Eastpak Resistance-Tour 2002 zu einem richtig großen Event geworden, das trotzdem mit vertretbaren Eintrittspreisen locken konnte: „In den Staaten gibt es keine vergleichbare Tour, auch wenn es Versuche gibt. In den Staaten geht es bei großen Touren vor allem um Geld. Hier in Europa spielen die Bands für den Spaß an der Sache und das ist viel angenehmer. Der Eintrittspreis der Tour ist fast genauso hoch wie der, den wir als alleiniger Headliner nehmen. Das ist doch toll. Für sechs Bands und zwei Tourbusse kann man nicht billiger touren. Für Biohazard kostete der Eintritt in der Regel 20 DM und die Tour kommt 22Euro. Das ist in Relation sehr preiswert und man bekommt eine Menge geboten.“ Auch wenn die Relation, bedingt durch den Euro-Preis, doch eine andere ist, war der Preis schon vernünftig. Dem muss man wirklich zustimmen. Die Fans dankten es, indem das Casino gut gefüllt war und die Leute ordentlich

abgingen. Biohazard spielen im Sommer regelmäßig die großen Open-Air-Festivals, doch:

„Je größer eine Show ist, desto unpersönlicher ist sie. Vor allem das Full Force spielen wir aber sehr gerne. Aus dem letzten Jahr gibt es ein witziges Video. Ich sprang von der Bühne ins Publikum und ging in den Pit. Man sieht mich mit den Kids herumspringen und es war einfach großartig.“ Bei eben diesem Gig kündigten die New Yorker-Crossover-Veteranen ihr neues Album für den Herbst an, doch „Kill Or Be Killed“ kommt erst Ende Januar 2003 in die Läden. Der Grund dafür: „Wir hatten das Artwork schlichtweg noch nicht fertig. Die Platte selbst war richtig schnell im Kasten. Als wir im Sommer nach Hause kamen, nahmen wir das Album innerhalb zweier Wochen auf. Wir haben uns ausschließlich auf das Wesentliche konzentriert und das Überflüssige weggelassen. Wir haben all unsere Emotionen rausgelassen und nichts anderes. Es bringt schließlich nichts zwei Monate zu arbeiten und etwas zu schaffen, dass einen nicht selbst repräsentiert.“

Gäste gibt es auf der Platte nicht, nur die pure Energie von Biohazard: „Es gab diesmal keinen Platz für Gäste, weil wir unglaublich sauer waren. Unsere Alben waren von jeher die Bestandsaufnahme der Welt, in der sie entstanden. Es ist vielleicht die aggressivste Platte, die wir jemals eingespielt haben.“

Auch der Album-Titel sollte eigentlich ein anderer sein, wie mir Billy bestätigte: „Wir hatten ursprünglich geplant das Album „Never Forgive, Never Forget“ zu nennen. Die Platte war bereits im August fertig, doch dann brach der 11.September über uns hinein. Wir wollten das nicht ausbeuten. Es betraf uns so persönlich, dass wir daraus kein Kapital schlagen wollten. Die Geschehnisse waren erschreckend und bedrückend genug. „Never forgive, Never Forget“ – Hätten wir das Album so genannt... Jeder weiß doch, was passiert ist und es hat jeden Menschen beeinflusst, in der einen oder anderen Weise. Warum sollte man ein Album so nennen?“ In meinen Augen geht der neue Titel in die gleiche Richtung, was Billy jedoch anders sieht: „Kill Or Be Killed“ ist für uns die Reflektion der Welt, in der wir heute leben. Entweder steht man auf und kämpft oder man geht unter. Wer sich nicht bewegt und sich nicht entwickelt, steht still - „Kill Or Be Killed.“ Natürlich kann man es auch als gewalttätigen Ausspruch verstehen und so werden es auch einige sehen, aber es geht uns mehr um diesen Survival Of The Fittest- Gedanken. Es ist sehr allgemein und wir lassen bewusst verschiedene Interpretationen zu.“

Dennoch hatte der 11.September einen großen Einfluss auf Biohazard. Billy selbst erlebte die Geschehnisse wie folgt: „Ich konnte es im ersten Augenblick nicht begreifen. Ich glaubte einen Film zu sehen und empfand es als nicht real. Ich konnte die Türme von meinen Apartment aus sehen; sie standen etwa eine Meile entfernt. Ich erinnere den Staub, den Rauch, die Sirenen. Der Wind trieb das alles über den Fluss zu uns herüber. Etwa 20 Minuten nach dem Einsturz der Türme war mein ganzes Viertel in Staub und Asche gehüllt. Unfassbar. Die Leute waren geschockt und weinten. Es war der erste Tag einer neuen Welt, die nie wieder die gleiche sein wird.“ ... „So etwas ist zu jeder Zeit und überall wieder möglich. Es ist bei uns in New York City passiert und vielleicht musste es gerade in New York passieren. Diese 45 Minuten haben die ganze Welt verändert und wir waren mittendrin.“ Auch bedingt durch den Terror-Anschlag verzögerte sich das Release der neuen Platte, die in den Staaten gar noch später erscheint als hier in Europa.

Biohazard schlagen sich von jeher auch mit ganz eigenen Problemen herum, die sich vor allem auf die zweiten Gitarristen auswirken, die regelmäßig wechseln: „Über uns schwebt eine schwarze Wolke. Es ist unerklärlich, aber wo immer wir sind, ist auch diese Wolke. Drei von uns, Evan, Danny und ich, können damit umgehen, aber unsere Gitarristen nicht. Egal, wer gerade auf diesem Posten ist. Immer passiert etwas Unvorhergesehenes und die Leute müssen wieder aus der Band.“ Für die Tour hieß das, dass der neue Gitarrist Vincent Carmine live von Scott Roberts (Cro-Mags, Spudmonsters, Among Thieves) ersetzt wurde, da Vincent eine Krankheit auskuriert. Doch auch das Privatleben der Musiker fordert immer stärker seinen Tribut und die einstigen Rock-Rüpel werden langsam ruhiger:

„Ich bin inzwischen verheiratet und habe auch schon eine kleine Tochter. Die Prioritäten verschieben sich damit ein wenig. Ich kann nicht mehr, wie früher, 280 Tage im Jahr auf Tour sein. Ich stehe dem zwigespalten gegenüber. Natürlich braucht die Familie Zeit, aber Biohazard ist das, was ich mache und für mich sehr wichtig. Meine Frau versteht das und meine Tochter wird das auch lernen müssen. Sie wird verstehen, dass ich meinen Träumen folgen muss. Sie soll später ihren eigenen folgen. Es bringt nichts sich selbst einzusperren. Wer seine Träume nicht verwirklicht, ist in meinen Augen tot.“
 
 Links:
  Biohazard- Bandpage
 
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