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Chimaira

Storie von: arne, am 18.08.2011 ]

Das Besetzungskarussell bei CHIMAIRA hat sich ordentlich gedreht. Dennoch klingt der sechste Longplayer der Metaller aus Cleveland gewohnt frisch, bissig und schön brachial. Mit Frontmann Mark Hunter und den beiden Gitarristen Rob Arnold und Matt Devries ist wenigstens die Kreativachse beisammen geblieben und hat „The Age Of Hell“ durchgestanden. Derbe Grooves, unbändige Kraft und herbe Hymnen säumen den Weg der musikalischen Verarbeitung der letzten beiden Jahre.

 
„Vor der Veröffentlichung jeder Platte spüre ich eine Mischung aus Aufregung und einer ganz eigenartigen Stimmung, die ich nicht näher fassen kann,“ erzählt Mark Hunter gut gelaunt am Telefon. „Gerade dieses Mal, wo unser sechstes Album unter derart veränderten Umständen entstanden ist. Eigentlich sollte sich so etwas wie Routine eingestellt haben, doch das ist nicht der Fall. Vielleicht was den Arbeitsprozess anbelangt, der mit zunehmender Erfahrung leichter von der Hand geht. Oder auch was die Erwartungen betrifft, die man an seine neuesten Songs knüpft. Heute bin ich längst nicht mehr so naiv, davon zu träumen, wir könnten die größte Band der Welt werden. Dieser Zug ist abgefahren. Dennoch bin ich nach wie vor gespannt, zu erfahren, wie unsere Fans reagieren werden, und ob sie uns weiterhin unterstützen und für gut befinden werden. Glücklicherweise wird sich meine innere Anspannung demnächst lösen, denn „The Age Of Hell“ ist schon bald zu haben.“ Besorgt über eine möglicherweise negative Rezeption des neuen Albums muss der Shouter gar nicht sein. Seine Äußerung ist vielmehr als Ausdruck seiner bescheidenen Grundhaltung zu verstehen:

„Es ist meine Philosophie, keine übertriebenen Erwartungen an etwas zu richten und alles mehr oder minder auf mich zukommen zu lassen,“ so Mark. „Positiv überrascht zu werden, ist viel schöner und befriedigender als zu hoch gesteckten Zielen nachzurennen und sich unnötig unter Druck zu setzen. Natürlich bin ich von unserer neuen Platte überzeugt und weiß, dass wir starke Songs geschrieben und aufgenommen haben. Doch wie sie bei den Fans ankommen, weiß man einfach nicht. Die kreative Arbeit ist ein sehr emotionaler Prozess, während dem man Erfüllung aber auch Frustration erlebt, bis man letztlich zu dem Ergebnis kommt, das man sich vorgestellt hat. Nach der intensiven Arbeit versuche ich jedes Mal, Abstand zu gewinnen, das Resultat halbwegs objektiv zu bewerten und meine Erwartungen zu zügeln. Ich erwarte wirklich lieber weniger, anstatt zu viel erzwingen zu wollen. Da ich Realist bin, weiß ich, dass man als Heavy Metal-Band zwar überall auf der Welt Hörer für sich gewinnen kann, aber nie die ganz große Nummer im Musik-Business werden wird. Das ist für mich völlig okay, solange ich mit unserer Leistung zufrieden bin und weiß, dass wir unser Bestes gegeben haben. Mir reicht es schon, Musik als Profession machen zu können und den Fans mit unseren Songs eine gute Zeit zu bescheren. Wann immer ich auf der Bühne stehe, weiß ich, warum ich Musiker bin und warum es CHIMAIRA trotz aller Widrigkeiten immer noch gibt.“

Privilegierte Bescheidenheit

Apropos Widrigkeiten: Das Umfeld für professionelle Musiker ist zunehmend hart geworden und immer weniger Gruppen ist es möglich, von ihrer Kunst zu leben: „Man liest und hört überall, dass sich die Rahmenbedingungen stark verändert haben und die Musik-Industrie, wie wir sie kennen, vor dem Ende steht, weil niemand mehr CDs kauft oder bereit ist, für Musik zu bezahlen,“ bestätigt der Sänger. „Ich hoffe einfach, trotzdem noch lange weitermachen zu können und darauf, dass die Leute erkennen, dass man die Bands, die man schätzt, auch unterstützen muss, indem man entweder ihre Konzerte besucht oder sich für Merchandise oder ihre Alben – ob nun als MP3 oder CD – entscheidet. Die finanzielle Seite blende ich nach Möglichkeit aus, denn primär geht es um Spaß und die Herausforderung. Bislang kann ich meine Rechnungen glücklicherweise noch zahlen. Ich kann von und mit CHIMAIRA das Leben führen, das ich mir vorstelle und immer gewünscht habe. Ich schwelge nicht in Luxus, bin mit meiner Situation aber voll und ganz zufrieden. Die Band ist das, was seit nunmehr zwölf Jahren meinen Alltag bestimmt. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Um jedoch nicht nur von einem Standbein abhängig zu sein, habe ich weitere Projekte gestartet oder helfe anderen Gruppen im Studio oder auf Tour aus. Alles, was ich tue, ist aber Musik-bezogen.“ Mark Hunter ist ein Vollblut-Musiker, der stets an seine Grenzen geht und genau weiß, warum er nicht nachlassen und die Dinge schleifen lassen kann:

„Als wir das letzte Mal in Europa tourten, haben wir einen großen Teil des Materials für unsere „Coming Alive“ DVD gedreht. Jeden Abend nach den Shows sind auch die Treffen mit unseren Fans, für die wir uns immer viel Zeit nehmen, mitgeschnitten worden. Der Regisseur hat den Fokus dabei auf die Fans und ihre Reaktionen, Fragen und die Stimmung im Raum gerichtet. Als wir die Aufnahmen später durchsahen, realisierten wir erst so richtig, was unsere Songs und die Band den Leuten bedeuten. In den Augen und Gesichtern der Leute konnte man sehen, mit wie viel Leidenschaft und Aufregung sie uns begegnen. Sie lieben CHIMAIRA ohne Vorbehalte. Wenn man als Künstler so etwas erreicht, hat man es geschafft. Es gibt nichts Größeres, als die Leute zu bewegen und ihre Leben zu berühren. Seither bin ich noch motivierter und sporne mich jeden einzelnen Tag an, die mir bestmöglichen Songs zu schreiben, um unseren Fans gerecht zu werden und sie wiederum zu begeistern. Ich will ihnen zurück geben, was sie uns entgegen bringen. Die Beziehung ist klar: Wir befinden uns in der privilegierten Lage, Musik machen zu dürfen. Die Hörer haben einen Anspruch darauf, unterhalten zu werden. Wenn dieser Kreislauf in Gang gekommen ist und nicht abreißt, kann es quasi ewig so weitergehen. Wichtig ist es, den Kontakt nicht zu verlieren und stets den direkten Austausch mit den Fans zu suchen. Als junger Musiker träumt man davon, groß heraus zu kommen und berühmt zu werden. Mit der Zeit lernt man dann, dass es wichtiger ist, kontinuierlich gut zu arbeiten und einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Gerade wenn man die naiven Ziele erreicht hat, braucht man neue Herausforderungen. Dann muss man erkennen, worauf es ankommt. Und das sind die Fans, die alles erst ermöglichen und ohne die nichts geht. Diese Erkenntnis hat mein Leben verändert.


Ein halbvolles Glas

Dank eines breit angelegten Metal-Sounds vereinen CHIMAIRA Hörer verschiedener Metal-Stile auf sich. Und nicht nur das, die Band gewichtet ihren Sound auf jeder Veröffentlichung ein Stück weit anders. „The Age Of Hell“ überrascht diesbezüglich mit einer unverhofft straffen und geradlinigen Anlage. Mark Hunter & Co. finden Gefallen daran, vermehrt beste Thrash-Salven einzustreuen und den Groove-Faktor etwas zurück zu nehmen. Nicht nur deshalb fällt ihr sechstes Werk härter und wuchtiger als seine Vorgänger aus, ohne Identifikations- oder Wiedererkennungspotenzial einzubüßen: „Auch wenn wir es niemals bewusst geplant haben, ist unser Sound von Beginn an einladend für die verschiedensten musikalischen Vorlieben gewesen,“ weiß der Frontmann. „Er ist der Spiegel dessen, was wir selbst gerne hören, und damit automatisch mit unterschiedlichen Geschmäckern kompatibel. Es wäre für CHIMAIRA zu wenig, nur auf einen Stil beschränkt zu bleiben. Wir lieben alle Spielarten des Heavy Metal. Als wir aufwuchsen, haben wir da nicht einmal differenziert. Für uns ist alles Metal gewesen, ob es sich nun um Thrash, Speed, Death oder Grindcore handelte. Wir haben zu allen Stilen und Bands einen Draht gefunden und verstanden, worauf es ihnen ankam. Für uns war alles letztlich eins, und so verstehen wir auch CHIMAIRA. Wir nehmen Elemente aus dem Thrash, Speed und Death, aber am Ende des Tages ist und bleibt es Metal. Es ist schon oftmals vorgekommen, dass Leute, die engstirnig nur einem bestimmten Stil anhängen oder Leute, die eigentlich keinen Heavy Metal mögen, nach Konzerten zu uns gekommen sind, um uns mit Lob zu überschütten. Das bedeutet uns eine Menge, denn es sagt aus, dass unsere Songs wirklich gut sein müssen. Solche Komplimente sind genauso toll wie die der treuen Fans, auch wenn sie anders motiviert sind. Ich hoffe, dass auch das neue Album mit Qualität überzeugt. Das muss es ja auch, denn derzeit bringen viele Bands ihre bislang besten Platten heraus. Der Wettbewerb im Metal ist hart. Um unter den vielen Gruppen hervorzustechen, muss man an die Leistungsgrenze gehen und auf den Punkt kommen. Das haben wir getan.“

…der zwischenzeitlichen Reduktion zum Trio zum Trotz und noch dazu überaus erfolgreich. „The Age Of Hell“ gestaltet sich bissig und schön brachial aus, erweitert den markanten Sound von CHIMAIRA schlüssig: „Natürlich ist es wenig erfreulich, wenn man auf einmal drei Mitglieder verliert, mit denen man lange Zeit zusammen gearbeitet hat,“ meint Mark Hunter. „Es ist sogar sehr ärgerlich, doch so etwas passiert. Das Leben als tourender Musiker ist nicht einfach. Anfangs überwiegen Enthusiasmus und Rockstar-Träume. Irgendwann erreicht man aber einen Punkt, an dem sich alles erfüllt hat. Dann setzt Sättigung ein. Findet man keine neuen Ziele und keine neue Motivation, ordnet man seine Prioritäten neu und konzentriert sich anschließend vielleicht lieber auf seine Familie, ein Studium oder sucht sich einen normalen Job. Es ist auch eine Frage des Alters und danach, wie man sein Haus abbezahlen will. Mir ist es lieber, dass die Drei die Konsequenz gezogen haben und ausgestiegen sind, anstatt weniger motiviert nur mit halber Kraft dabei zu bleiben. Für den verbliebenen Rest von CHIMAIRA war es zunächst natürlich frustrierend, doch ich sehe das Glas lieber halb voll, als halb leer. Mit etwas Abstand erkennen wir die positiven Entwicklungen, die sich aus den Veränderungen ergeben haben. Das Ende der Welt oder der Band ist es nicht gewesen, und die neue Platte beweist, dass wir die Herausforderung angenommen und gemeistert haben.“

Gelassen läuft’s

Für die Hörerschaft zwischen Fear Factory, Slipknot, Machine Head, Ill Nino und Devildriver liefert das Sextett eine weitere essentielle Scheibe. Die Gruppe aus Cleveland ist personell inzwischen auch wieder komplettiert, so dass neuerlichen Tour-Aktivitäten nichts im Weg steht. Mit von der Partie sind Schlagzeuger Austin D’ammond von The Elite und die beiden Dååth-Mitglieder Emil Werstler (Bass) und Sean Z (Electronics). Die kreative Arbeit wird sich allerdings wohl auch künftig nicht ändern: „CHIMAIRA sind noch nie eine Band gewesen, bei der die Songs im Proberaum unter Beisein aller Musiker entstanden sind,“ so Mark. „Es sind schon immer Rob (Gitarre) und ich gewesen, die die Riffs und Ideen für die Songs entwickelt haben. Die Arbeit an „The Age Of Hell“ war zu circa 80 Prozent so, wie bei den anderen Platten zuvor. Anders war allein der Weg, wie wir die Ideen zu richtigen Songs geführt haben. Anstatt uns vorzubereiten und die Songs fertig zu stellen, haben wir sehr spontan gearbeitet und bis zuletzt viel improvisiert. Alle Tracks sind im Januar und Februar entstanden und direkt aufgenommen worden und spiegeln die verdichtete Arbeitsweise dieser beiden Monate wider. Sie sind roh und impulsiv. So sind für uns auch die letzten beiden Jahre verlaufen.“

Neben dem ungestümen Antlitz besitzt das sechste Album der Band ebenso atmosphärische und melodisch eingängige Momente, die den ganzheitlichen Heavy-Sound abrunden: „Das Alter bringt eine Gelassenheit mit sich, die ich früher noch nicht gespürt habe. Ich denke längst nicht mehr darüber nach, wie es wirkt, wenn ich einen Part singe, anstatt ihn zu schreien. Entweder kommt es von Herzen und passt oder eben nicht. Ich werde nicht bestreiten, dass bei uns heute auch melodische und weniger aggressive Passagen zu finden sind. Immer nur extrem und forsch unterwegs zu sein, ist auf Dauer zu eindimensional und schränkt die Ausdrucksmöglichkeiten ein. Wir wollen das ganze Spektrum abbilden und wissen, dass nur bei ergebnisoffenem Arbeiten wirklich großes entstehen kann. In dieser Hinsicht ist „The Age Of Hell“ unser bislang stärkstes Werk, denn die Arbeit daran gestaltete sich offen und spontan, ohne zufällig zu sein oder den typischen CHIMAIRA-Sound aus den Augen zu verlieren. Wenigstens wir sind vom Ergebnis begeistert.“

 
 Links:
  myspace.com/chimaira
 
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