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Seagulls Insane…

Storie von: arne, am 11.08.2011 ]

Für den Moment besitzen SEAGULLS INSANE AND SWANS DECEASED MINING OUT THE VOID allein Projekt-Charakter. Wann, ob und wie es mit dem Outlet weitergehen wird, lässt das Duo bewusst offen. Im Fokus der kreativen Arbeit der Polen stehen Stimmungen, die durchweg düster, bedrohlich und verstörend ausfallen. Zwischen Sludge, Noise, Dark-Ambient, Post-Metal und Black Metal-Ästhetik entstehen aufwühlende, abstoßende und zugleich fesselnde Anti-Sounds mit starker Experimentalkante.

 
„Um es direkt unmissverständlich klar zu stellen – dieses Projekt haben wir nur für uns gegründet, und es besteht, damit wir uns verwirklichen können,“ erklärt Havoc, der für Gitarre, Bass, Schlagzeug und Effekte verantwortlich zeichnet. „Die Idee für unsere Zusammenarbeit ist schon einige Jahre alt, doch wir haben es lange Zeit nicht hinbekommen, gemeinsam ins Studio zu gehen. Nihil ist stark in seine Bands und Projekte eingebunden. Ich selbst war mit Blindead beschäftigt. Im Februar dieses Jahres haben wir dann endlich eine Woche gehabt und konnten unser Projekt umsetzen, das wir spontan und roh auch direkt aufgenommen haben. Jeder von uns brachte nur wenige Ideen mit, an denen wir gearbeitet haben. Der überwiegende Teil unserer Arbeit war Improvisation.” Beteiligt sind ganz konkret Nihil von Morowe, Furia und Massemord und Havoc von Blindead. Was da als selbstbetiteltes Album des Duos auf Witching Hour erscheint, ist sich nur ansatzweise in Worte fassen. Diese Anti-Sound er- und durchlebt man:

„Unseren Sound als apokalyptisch zu verstehen, ist sicherlich nicht falsch. Um uns herum passiert eine Menge, das Gefühle wie diese herauf beschwört. Dass man als Mensch und Musiker in seinem Leben vielen verschiedenen Eindrücken und Erfahrungen ausgesetzt ist, führt bei uns zu einem breit angelegten, verstörenden Album. Letztlich haben wir im Studio aber nicht mehr getan, als die Stimmungen um uns herum in Sounds und Texte zu überführen. Dahinter verstecken sich weder weitere Absichten noch eine große Philosophie.“ Die lediglich mit I, II, III, IV und V betitelten Stücke der selbst betitelten Platte dürfen als überaus reduziert verstanden werden. Input- und Tempo-seitig geht es bei SEAGULLS INSANE AND SWANS DECEASED MINING OUT THE VOID sehr puristisch und überschaubar zu:

„Was da entstanden ist, kann und möchte ich gar nicht hinterfragen und auch nicht bewerten oder stilistisch einordnen,“ meint Havooc. „Wir haben unseren Ansatz durchgezogen und ein Album erschaffen, das das Ergebnis seiner Umstände ist. Bei einer Fortsetzung klingt alles sicherlich schon wieder ganz anders. Wir lassen uns treiben und spielen das, was sich einstellt und uns im Moment berührt. Wir sind keine Innovatoren, haben aber eine klare Vorgabe. Für das Projekt schließen wir nichts aus. Das ist die einzige Maßgabe, der wir uns unterwerfen. Daneben kümmern wir uns weder um stilistische Fragen noch darum, ob man sich für uns interessiert. Dieses Projekt ist entstanden, um aufrichtige Musik zu erschaffen, die auf realen Gefühlen basiert. Solange uns das gelingt, bin ich voll und ganz zufrieden.“ Ohne die elektronischen (Stör-)Effekte und Keyboard-Flächen wäre der Tenor der musikalischen Fast-Statik von SEAGULLS INSANE AND SWANS DECEASED MINING OUT THE VOID noch stärker ausgeprägt und das Debüt ein durch und durch repetitives Werk. Nihil und Havoc treten zu keiner Zeit offensichtlich aggressiv in Erscheinung, doch ihre Songs wirken ungemein brutal und rücksichtlos:


„Wir haben uns mehrere Tage im Studio verschanzt und nichts anderes getan, als gejamt und das Ergebnis aufzunehmen,“ so der Pole. „Da keiner von uns bis dato auf diese Art und Weise gearbeitet hatte, war das für uns eine große Herausforderung und eine interessante Erfahrung. Das Album besitzt eine einzigartige Energie und Eigendynamik, die sich während der Woche entwickelt hat. Deshalb lassen sich weder einzelne Songs noch Passagen hervorheben. Alles gehört zusammen. Die kreative Chemie ist das Besondere am Projekt. Die Arbeit gestaltete sich flüssig und ohne Unterbrechungen. Wir haben fokussiert arbeiten können, weil wir uns bewusst von der Hektik des Alltags und unserem normalen Umfeld entkoppelt haben. Wir sind in die Einöde aufs Land gegangen, um Ruhe zu haben. Und als hätten wir darum gebeten, ist es die meiste Zeit über kalt und dunkel gewesen, so dass wir nichts anderes tun konnten, als im Studio zu bleiben. Das spiegelt sich in der Musik und in den Texten ebenfalls wider.“

Dabei ist es der Anspruch der beiden Musiker gewesen, etwas zu erschaffen, das sich deutlich von dem unterscheidet, was sie mit ihren anderen Bands treiben und das gerade hinsichtlich der transportierten Emotionen: „Die größte Herausforderung für uns bestand darin, all das, was wir über Musik wussten, und wie wir sie bisher erschaffen haben, zu vergessen und auf ganz andere Art und Weise zu arbeiten. Rückblickend scheint es mir, als sei ich früher in einem Käfig eingesperrt und nun endlich freigelassen worden. Ich hätte nie damit gerechnet, dass sich etwas Derartiges einstellen würde. Das Projekt hat sich schon deshalb gelohnt und mir einen unglaublichen kreativen Kick mitgegeben. Aus dieser Gemütslage heraus will ich nun immer arbeiten.“

Die reduzierte Doppel-Konstellation gibt Havoc und Nihil alle Freiheiten, fordert von jedem von ihnen aber auch eine Menge: „Zur zweit zu sein, macht den gesamten Prozess aber viel einfacher. In Blindead sind wir zu sechst, und das ist etwas ganz Anderes. Es gibt immer einen, der andere Ideen und Vorstellungen hat, und man sucht so lange Kompromisse, bis alle zufrieden sind. Bei SEAGULLS INSANE AND SWANS DECEASED MINING OUT THE VOID war alles viel fokussierter. Für den Moment ist es lediglich ein Studio-Projekt, aber wir haben bereits darüber nachgedacht, einige Shows zu realisieren. Ob wir das tatsächlich tun werden, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht sagen. In einem kompletten Band-Line-Up werden unsere Songs wohl noch lauter und kraftvoller klingen. Aber auch ein Stück weit anders, ohne dabei ihre verheerende Wirkung zu verlieren. Die Wall-of-Amps ist für uns der einzige Weg; als Duo aber auch als erweitere Band. Auf die Hörer wird das Material ohnehin immer anders wirken, da Stimmungen unterschiedlich wahr- und aufgenommen werden. Gerade diesen Aspekt der Musik finde ich überaus spannend, und er steht nicht zufällig im Mittelpunkt unseres Ansatzes.“ Die beiden Polen verfolgen das Ziel, ihre Hörer in Unruhe und Angst zu versetzen. Das gelingt ihnen.

 
 
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