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Locas In Love

Interview von: Matthias Rauch mit Locas In Love, am: 04.07.2011 ]

Die angenehme Dringlichkeit mit der das Kölner Trio Locas In Love nun schon seit etlichen Jahren Musik macht, lässt sich auch auf ihrem aktuellen Album “Lemming” entdecken. Botschaften sind der Band wichtig, und doch zeigt sich glücklicherweise nie ein pathetischer Zeigefinger. Und das obwohl der Band der schrecklich redundante Gestus der ironisierenden Distanz fremd ist. „Lemming“ ist eine euphorische wie nachdenkliche Platte geworden, die zu keinem Zeitpunkt prätentiös daherkommt. Hierzulande leider beinahe eine Seltenheit. In anderen Worten: ein wunderbares Album. Wir sprachen mit der kompletten Band über Bandkonflikte, Ziele und U2.

 

Musicscan: Erstmal Gratulation zu einem sehr gelungenen Album. Könntet ihr ein bisschen über den Entstehungskontext des Albums sprechen. Habt ihr mit dieser Platte etwas bewusst anders gemacht als bei euren früheren Werken?

Locas In Love: Danke, sehr gerne. Nach unserem letzten regulären Album 'Saurus' haben wir absichtlich nicht direkt die Arbeit an diesem Album begonnen, sondern unser Winteralbum dazwischengeschoben. Dabei haben wir uns seinerzeit sehr bewusst verschiedene Begrenzungen gesetzt, in der Produktionsweise als auch inhaltlich. Die Erfahrung des sich-Beschränkens, des sich-Vorgaben-Setzens fanden wir sehr inspirierend und haben sie mitgenommen und uns für „Lemming“ zunächst einen Zeitpunkt bestimmt, wann wir ins Studio gehen: wir haben also nicht gewartet bis wir alle Songs beisammen haben und dann das Studio gebucht, sondern haben das Studio gebucht als noch lange nicht alle Songs geschrieben waren und damit einen zeitlichen Rahmen geschaffen, bei dem klar war, dass alles, was wir bis dahin an Material haben mit ins Studio kommt – aber alles, was uns danach erst einfällt, dann eben erst auf die nächste Platte kommt. Im Studio selber haben wir die Platte im Wesentlichen live eingespielt. Wir standen also zu viert in einem Raum und haben miteinander unsere Songs gespielt – unsere anderen Alben haben wir größtenteils nicht live eingespielt, weil wir uns in der Vergangenheit nie mehr Studiozeit als ein paar Tage leisten konnten, in denen wir Schlagzeug und vielleicht Bass im Studio aufnahmen. Den Rest haben wir dann immer zuhause oder im Proberaum gemacht. Aber mit den Ersparnissen von über drei Jahren wollten wir uns diese Arbeitsweise nun gönnen, mehr Zeit in einem größeren Studio zu haben und dort die Energie des Zusammenspiels einfangen.

Musicscan: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Paul Savage und welchen konkreten Einfluss hatte er auf das Endergebnis?

Locas In Love: Oh, wir können Paul kaum genug loben. Viele Bands, die selbst produzieren, kommen irgendwann an einen Punkt, wo sich viele Dinge so eingeschliffen haben. Das muss gar nichts Negatives sein, aber wenn man sehr aufeinander eingespielt ist, läuft man mitunter eben auch Gefahr, Dinge auf eine Weise zu tun, wie man sie gewohnt ist zu tun -sozusagen seinen eigenen Hit-Formeln zu folgen. So dass es Sinn macht, jemanden dazuzuholen – und so auch wir. Mit dem Dazuholen eines zusätzlichen Satzes Ohren und einer weiteren Meinung hatten wir in der Vergangenheit schon tolle Erfahrungen gemacht, wie mit Peter Katis beim Mix von 'Saurus', aber auch sehr schlechte. Deshalb war es uns ganz wichtig, mit jemandem zu arbeiten, den wir mögen und dessen Geschmack wir vertrauen. Paul will sich in den Produktionen, die er macht, nicht selbst verwirklichen und Bands seinen Paul Savage-Sound aufdrücken, sondern hört genau zu, versucht die Vision der Band zu verstehen und hilft der Band dann, diese Vision umzusetzen. Manchmal bedeutet das, einfach nur die Mikrofone so aufzustellen, dass alles klingt wie es klingen soll, manchmal beobachtet er, dass die Band sich verknotet und sich selber im Wege steht und hilft dann aus der Sackgasse hinaus. Am Ende des Tages sind es natürlich unsere Songs und wir spielen sie. Aber es ist schwer zu übertreiben, wie viel es ausmacht, wenn man gemeinsam mit jemandem an ihnen arbeitet, der so gelassen, freundlich, intelligent und kompetent wie Paul ist. Wir konnten uns sehr aufs Musizieren konzentrieren und auf die Songs. Das war eine schöne Erfahrung, mal ganz davon abgesehen, wie gut uns unser Ausflug nach Glasgow aus band-touristischer Perspektive gefallen hat.

Musicscan: Wie muss man sich den Songwriting-Prozess bei euch vorstellen? Arbeitet ihr generell zusammen an Ideen oder werden die einzelnen Songs fast gänzlich von jeweils einem Menschen konzipiert?

Locas In Love: Da können wir vermutlich nichts erzählen, was nicht fast jede andere Band in etwa genauso erzählt: irgendwer bringt eine Idee an, die mal mehr, mal weniger konkret ist und dann probieren wir im Proberaum damit herum. Es gibt bei uns nicht die eine Genie-Figur, die alles konzipiert, mit fertigen Songs ankommt und den anderen dann wie Erfüllungsgehilfen zuteilt, was sie spielen sollen (womit wir nicht sagen wollen, dass diese Arbeitsweise nicht legitim wäre). Im Laufe der Jahre hat sich das immer mehr aufgelöst, oft ist es interessanter, „halbfertige“ Ideen anzubringen und diese dann im gemeinsamen Zusammenspiel zu fertigen Songs werden zu lassen. „Saurus“ war der Anfang davon, das Band-Zusammenspiel wirklich als Element des Songwriting-Prozesses zu benutzen. „Lemming“ ist der bisherige Höhepunkt, wo die „Einzelleistung“ vollständig in eine gemeinsame Vision aufgelöst wird. Beantwortet das die Frage verständlich? Wenn man so lange als Band zusammenspielt wie wir, sind viele Dinge ganz klar und selbsterklärend, aber es ist nicht immer leicht, sie Leuten vernünftig zu erklären, die nicht in der Band mitmachen.

Musicscan: Wie löst ihr kreative Konflikte?

Locas In Love: Du müsstest genauer fragen, wie du es meinst. Falls du Situationen wie aus dem Metallica-Film oder wie aus Spinal Tap meinst, wo einer wütend aus dem Studio rennt, weil er seinen Kopf nicht durchsetzen kann, das passiert bei uns nie. Komischerweise war bei uns das einzige, was immer konstant gut funktioniert hat die Musik, die wir zusammen spielen. Selbst in Momenten, wo es menschlich nicht einfach war, wie sie in jeder Beziehung zwangsläufig aufkommen, gerade wenn sie so eng ist, gab es nie einen Streit um Songs, Gitarrensoli, Texte, unsere Musik, die gemeinsame Mission stand stets über unseren Egos. Falls du kreative Konflikte meinst wie eine Schreibblockade oder anderweitiges nicht-weiter-wissen, das wäre eine längere Antwort.

Musicscan: Gab es, als ihr die Band vor circa 10 Jahren ins Leben gerufen habt, eine Vorstellung davon, was ihr ästhetisch erreichen wolltet und wie hat sich diese Vorstellung möglicherweise über die Jahre verändert?

Locas In Love: Eine gute Frage. In der Tat sind wir überrascht, dass es überhaupt schon knapp zehn Jahre in konstanter Besetzung sind, das ist ja fast wie U2, nur einer weniger und mit einem Millionstel des Erfolges. In ihren Anfängen war unsere Band schwer von Country & Folk beeinflusst, was natürlich auch nie ganz aus unserem musikalischen Vokabular verschwunden ist. Aber mit manchen Stücken von 'Saurus' und dann natürlich 'Winter' hatten wir unsere Auslegung von Wohnzimmerfolk oder Americana auf die Spitze getrieben und wollten das gerne aufbrechen, wie auf „Saurus“ auch schon begonnen. Unsere Vorstellung von der Band hat sich natürlich mit uns verändert, da wir 19 oder 20 waren als wir anfingen und in so vielen Jahren viel passiert. Dass wir mittlerweile an den Punkt gelangt sind, wo wir uns eben jetzt mit „Lemming“ befinden, hätten wir so vielleicht nicht vorhergesagt, aber alles daran macht sehr viel Sinn und ist eine – jedenfalls für uns – sehr natürliche und nachvollziehbare Entwicklung.

Musicscan: Hat sich eure Beziehung zur Musik generell über die Jahre verändert? Was macht für euch einen „perfekten“ Song aus?

Locas In Love: Das ist schwer zu beantworten, zumal es zwei Fragen in einer sind. Unsere Beziehung zur Musik hat sich eigentlich nicht verändert, es ist für uns noch immer so wichtig und schön, Musik zu hören und selber zu machen, wie es das auch schon war als wir 16, 20 oder 25 waren. Selbst unser Ausflug in die Höhle des Löwen Musikindustrie mit Karpatenhund hat vielleicht unsere Beziehung zu Musikbusiness und dem Wunsch nach Erfolg verändert, erschüttert, und auch erweitert – jedoch nichts daran, dass Musik uns ein ehrliches Bedürfnis und eine Freude ist. Und zum zweiten Teil der Frage, was einen perfekten Song ausmacht – das vermögen wir nicht zu sagen. Was für mich ein perfekter Song ist, ist nicht zwingend einer für dich, deshalb wäre es unsinnig zu versuchen, ein Regelwerk aufzustellen. Man merkt einem perfekten Song an, dass er einer ist – aber man kann nicht erklären, warum. Und darin liegt seine Perfektion, denn wirkliche Liebe, wirkliche, empfundene Perfektion kann man nicht erklären, man kann sie nur spüren, man weiß 'das ist es' ohne genau sagen zu können oder wollen, warum. Oder wie es auf der Platte heißt: "da gibt es nichts zu erklären, da ist nichts zu verstehen, das ist wie mit Gott oder der RAF: entweder glaubt man daran oder eben nicht."

Musicscan: Eure Texte wurden ja schon immer gelobt und stehen auch auf „Lemming“ wieder im Zentrum des Geschehens. Gibt es so etwas wie einen textlichen „roten Faden“ auf dem Album, der die einzelnen Songs verbindet?

Locas In Love: Ja, eigentlich mehrere. Das war so nicht unbedingt angelegt, aber es waren eben die Themen, die uns umtrieben beim Schreiben dieser Platte – und zum Teil sind es auch Themen, an denen wir seit vielen Jahren, Songs und Alben herum schreiben. Darüber hinaus möchten wir es nicht weiter ausführen. Im Song 'Lemming' wird gesungen: "wenn ich es in Worten sagen könnte was ich zu sagen habe, gäbe es keinen Grund immer noch ein weiteres Lied zu schreiben, immer noch ein weiteres Album zu machen. Aber ich kann es nicht."

Musicscan: Wenn man Zeilen wie „Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug“ liest, fragt man sich schon, was denn eigentlich so schlimm ist im Leben der Menschen von Locas In Love? Oder anders gefragt: Seht ihr eure Texte auch als Gesellschaftskritik oder haben sie primär eine ästhetische beziehungsweise poetologische Funktion?

Locas In Love: Das Werkzeug bzw. das Rohmaterial, das zur Verfügung steht, ist, es klingt vielleicht zunächst seltsam, aber: die Wahrheit. Gar nicht unbedingt deren dramatische Überspitzung oder künstlerische Abstraktion, sondern tatsächlich der Versuch, das, was wir selber als wahr, wichtig, richtig glauben erkannt zu haben in möglichst treffende, präzise und eventuell auch nüchterne Worte zu fassen. Ob das Gesellschaftskritik ist wie meinetwegen 'Clockwork Orange' oder die Songs von Rage Against The Machine Gesellschaftskritik üben, nein, vermutlich nicht. Es ist ein Ringen um Kontrolle, um Wahrheit, um einen aufrichtigen Ausdruck, ein Versuch, Dinge zu verstehen und in Worte zu fassen. An unseren Leben ist nichts anderes schlimm als an anderen Leben auch: Im Briefwechsel von Adorno und Kracauer schreibt Kracauer 1923 an seinen 19jährigen Freund um seine Verlorenheit zu beschreiben: "der Riss der Welt geht auch durch mich", was eine schöne Formulierung ist. Das Beschreiben einer Gesellschaft wird schnell zu deren Kritik, selbst wenn man gar keine Wertung vornimmt. Die bloße Analyse, das bloße Feststellen eines Risses führt schnell dazu, dass dieser Riss sich bis ins eigene Leben hinein fortsetzt.

Musicscan: Könnt ihr euch mit der Band über Wasser halten? Mit was zahlt ihr die Rechnungen, wenn die Band mal gerade nicht unterwegs ist?

Locas In Love: Unsere Band wirft nahezu gar nichts ab und alles, was von Konzertgagen oder Plattenverkäufen übrigbleibt, geben wir immer dafür aus, neue Platten aufzunehmen. Deshalb machen wir nebenbei eine Vielzahl von Jobs und Gelegenheitsarbeiten. Natürlich haben wir seit letztem Jahr unser eigenes Studio, die Bear Cave, wo wir auch mit anderen Bands und Künstlern aufnehmen. Niklas arbeitet außerdem als Organisator für Musikevents und ein Internetradio, Björn bei einem Hörbuchverlag, Stefanie in einer Redaktion bei WDR 3 und als Illustratorin.

Musicscan: Wie kam der Kontakt zu Staatsakt zustande und wie würdet ihr die Zusammenarbeit bisher beschreiben? Fühlt ihr euch hier gut aufgehoben?

Locas In Love: Ja, wir könnten uns wohler nicht fühlen. Der Austausch mit Maurice, der das Label macht und bei den Türen singt, ist eine einzige Freude. Er hat das Label begonnen, um eine Plattform für seine eigene Band zu schaffen und kennt deshalb beide Perspektiven, also den Wunsch des Künstlers nach kreativer Freiheit und Kontrolle, aber auch die, nennen wir sie Business-Seite. Seine Einschätzung nehmen wir sehr ernst und er schreibt kolossal witzige Emails. Und beim gleichen Label zu erscheinen wie Jacques Palminger, Andreas Dorau und Christiane Rösinger ist natürlich auch etwas, worüber wir begeistert und aufgeregt sind. Aber wir haben uns auch zuvor bei Sitzer Records immer sehr wohl gefühlt und hatten eine tolle und kreative Beziehung mit den beiden Labelmachern. Selbst wenn wir nun Staatsakt Recording Artist sind, können wir auch über Sitzer nur in den höchsten Tönen sprechen. Es ist ohnehin immer eine gute Idee, mit Leuten zu arbeiten, mit denen man auch gerne ein Bier trinken geht.

Musicscan: Was inspiriert euch abgesehen von Musik? Was, glaub ihr, würdet ihr machen, wenn es mit der ganzen Musikmacherei nichts geworden wäre?

Locas In Love: Auch das sind zwei Fragen in einer, zunächst: außer Musik inspiriert einen doch automatisch alles, was man sieht oder hört. Bücher, Filme, Gesprächsfetzen, die man in der Bahn belauscht, Museum, Fernsehen, Freunde, Schilder, die im botanischen Garten die Pflanzen erklären: theoretisch ist überall irgendwas Spannendes zu finden, was die Ideenmaschine anwirft. Und dann fragst du, was wir statt Musik gemacht hätten, wenn es damit nichts geworden wäre: und na ja, genaugenommen ist es mit dem Musikmachen nichts geworden, jedenfalls nicht aus wirtschaftlicher Sicht. Insofern ist ja klar, dass es keinen 'äußeren' Antrieb gibt, weiter Musik zu machen, weil wir weder unsere Miete damit bezahlen noch tausende von Fans beliefern müssen. Da es also nur einen inneren Antrieb und eigene Gründe gibt, Musik zu machen, wir es also einzig und alleine deshalb machen, weil wir es wirklich wollen und wirklich gerne tun, stellt sich die Frage nicht, was wir stattdessen machen würden. Emotional und ästhetisch ist, jedenfalls für uns drei, die Band ein toller Erfolg. Und alles, was wir darüber hinaus machen und ausprobieren wollen, tun wir ja auch. Stefanie hat ihre Kunst, Björn seine Schreiberei, Niklas produziert andere Bands.

Musicscan: Ihr seid ja in den letzten zehn Jahren sehr viel unterwegs gewesen. Gab es dabei auch ernüchternde Begegnungen mit Künstlern, die man sehr schätzte, die sich dann aber als sehr ernüchternd/unangenehm herausgestellt haben?

Locas In Love: Ja, natürlich, wenn auch wirklich sehr selten und der Anstand verbietet, in einem öffentlichem Forum schlecht über andere zu sprechen. Viel häufiger passiert es zum Glück auch, dass man Leute aus scheußlichen oder mittelmäßigen Bands kennenlernt, die sich dann als tolle Menschen herausstellen.

Musicscan: Was kann man von euch in der nächsten Zeit erwarten? Wie sehen eure Pläne aus?

Locas In Love: Eine kleine Tour im Herbst und vielleicht noch einmal im nächsten Frühjahr und dann hoffentlich im Sommer die nächste Platte aufnehmen. Da wir aber schlecht im Planen sind, ist das eher eine mögliche Ideal-Skizze. Es kann sein, dass es exakt so klappt, es kann sein, dass wir zehn Jahre für die neue Platte brauchen. Man weiß es leider vorher nie, wo einen die Kunst hinführt. Sie ist eine Braut, mit der sich nur schwer planen lässt.

 
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