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David Lemaitre

Interview von: Matthias Rauch mit David Lemaitre, am: 23.05.2011 ]

Ganz unaufdringlich kommt sie daher, die erste EP von David Lemaitre. „Valediction“ heißt sie. Dabei überrascht es schon, dass der Musiker bislang noch keine breitere Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, denn die Songs sind allesamt hervorragend. Experimentelle Folkmusik könnte man das vielleicht nennen und würde damit die Sache schon unangemessen eingrenzen. Tolle Harmonien und feinsinnige Arrangements zeichnen die Handschrift des jungen Songwriters aus. Wir sprachen mit David über Bolivien, Popakademie und gutes Essen.

 

Musicscan: Wie ich deinem Waschzettel entnehme, wurdest du in Bolivien geboren und bist Anfang 20 nach Europa gekommen. Erzähl doch mal ein bisschen über deinen Weg, wie es dazu kam und wo du dich mittlerweile zuhause fühlst?

David Lemaitre: Ich bin in Südamerika in La Paz geboren, und dort aufgewachsen. Diese Chaotische und faszinierende Stadt auf 3600 Meter über dem Meeresspiegel kommt mir mittlerweile vor wie ein ferner Traum. Ich hatte immer viel Kontakt zu Deutschland, besuchte in La Paz eine Deutsche Schule und so beschloss ich nach dem Abitur mein Glück hier in Europa zu versuchen. Meine Familie ist mittlerweile zwischen Südamerika und den USA verteilt und „zuhause“ ist ein Begriff der dadurch sehr an Bedeutung gewonnen hat, gerade weil sich dieser Ort in den letzten Jahren so oft verschoben hat. Mittlerweile nenne ich Berlin mein zu Hause. Hier sind meine Freunde, meine Musik und eine Umwelt, die in meinen Augen ein wenig von dem Chaos, das ich sehr liebe mit den Werten von Deutschland, die ich nicht mehr missen will, verbindet.

Musicscan: Was waren dabei die interessantesten Orte, an denen du gelebt hast und was hast du am jeweiligen Ort am meisten geschätzt?

David Lemaitre: Wenn ich zurückschaue spielen meistens nicht die Orte, sondern die Menschen die größte Rolle. Ich finde es lustig wie eine Stadt, wenn man 200 Leute kennt, für jemand der mit ganz anderen 200 zu tun hat ein anderer Planet sein kann - Natürlich ist La Paz ein sehr prägnanter Ort und von dem Stadtbild wahrscheinlich die faszinierendste Stadt für mich. Dort habe ich das Leben an der Strasse geschätzt und das Gefühl, das man immer aus dem was man hat das meiste rausholen muss. Es gibt gerade kulturell gesehen so wenig im Angebot dort, aber die Begeisterungsfähigkeit für die kleinsten Dinge ist mir sehr im Gedächtnis geblieben. Ansonsten habe ich in Mannheim meine musikalische Familie kennengelernt, diese vermeintlich „hässliche“ Stadt war ein großartiger Ort, um sich komplett auf Musik zu konzentrieren. Nach wie vor passiert dort vieles, das musikalisch in ein paar Jahren sehr spannend werden könnte.

Musicscan: Welche Musik bzw. welche Künstler haben dich am nachhaltigsten beeinflusst, indem was du heute musikalisch machst?

David Lemaitre: Ich rede ja lieber über Essen als über Musik. So ein Top Ten meinst du? Ich werfe mal ein Paar Namen in der Raum: Nick Drake, Mercedes Sosa, Sufjan Steavens, Antony and the Jonhnsons, James Murphy, Animal Collective, Vashti Bunyan, Apparat, Jeff Buckley und die Beatles mit dem White Album.

Musicscan: Du warst ja auch Student der Popakademie Mannheim. Welche Erfahrungen hast du dort gemacht?

David Lemaitre: Ich habe dort einfach so viele großartige Menschen kennengelernt. Und die Junge Energie, die an dieser noch in der Entstehungsphase sich befindenden Akademie herrscht, fand ich super. Es ist wichtig, nicht das falsche zu erwarten. Ich hatte bereits davor meine Erfahrungen mit Musikinstitutionen gemacht und habe, ehrlich gesagt, viel mehr vom Pool an verrückten Köpfen als nur vom Unterricht erwartet und glaube, damit gut gefahren zu sein.

Musicscan: Was begegnest du Menschen, die behaupten, dass eine Popakademie der Idee von Pop eigentlich konträr gegenübersteht?

David Lemaitre: Popkultur entsteht mit Sicherheit nicht in Klassenräumen. Wie zum Beispiel ein Tanzkurs niemandem das Gefühl vermitteln können wird, das derjenige nicht schon in sich trägt. Und sehr vieles ist immer noch an so einem Konzept verbesserungsfähig. Popschule klingt auch in meinen Ohren erstmal wie ein Schimpfwort. Und natürlich entsteht auch unfassbar viel musikalischer Schrott vorerst. Aber viele Leute die dort waren, haben sich die richtigen Rosinen rausgepickt und machen mittlerweile großartige Musik!

Musicscan: Wie lief die Tour zusammen mit Deep Sea Diver? Wie war die Resonanz und was das lustigste bzw. eindrücklichste Tourerlebnis?

David Lemaitre: Zwei Wochen quer durch Deutschland, jede Nacht spielen. In Hamburg haben wir sogar vier Konzerte an einem Tag gehabt. Sehr in Erinnerung blieb mir auch ein Wohnzimmerkonzert, was die intimste Atmosphäre, die man sich vorstellen kann, geboten hat. Es war großartig, da wir mit Deep Sea Diver eine echt sehr spannende Mischung aus Indie/ Singer-Songwriter und experimentellem Folk bieten konnten. Fast ohne Ausnahme waren alle Cafes und Venues proppenvoll und es war ein wirklich gelungenes Erlebnis. Einer der schönsten Abende war in Hannover, als uns die komplette Anlage durchgebrannt ist und wir komplett akustisch spielen mussten, aber trotzdem eins der schönsten Konzerte der Tour hatten.

Musicscan: Deine erste EP ist sehr vielschichtig und abwechslungsreich ausgefallen. Wie ist die Platte entstanden? Mit wem hast du zusammengearbeitet?

David Lemaitre: Es war mein erster Versuch, etwas im Alleingang zu schreiben und zu produzieren. Ich wollte eine Mischung aus einem sehr intimen Klang mit sehr lautmalerischen langen Passagen und etwas Elektronika verbinden. Mein übertalentierter Seelenbruder Phil Thimm am Cello hat die Streicher geschrieben und gespielt.

Musicscan: Was ist der Unterschied zwischen Kunst und Unterhaltung deiner Meinung nach?

David Lemaitre: Früher war ich da etwas pragmatischer. Mittlerweile sehe ich die Grenzen nicht mehr so genau. Es gibt unglaubliche Künstler in dem mainstreamigsten Gefilden und vieles, was nur die Absicht von Kunst hat, finde ich so oft oberflächlich und bloß zwecksentfremdet. Meine Mutter ist bildende Künstlerin und ich bin von Bild, Videos und Farben umgeben aufgewachsen. Ich nehme an, dass eine spürbare Tiefe den Unterschied ausmacht, oder ausmachen kann. Ich will schon jemand bluten sehen, wenn er was tut auf der Bühne.

Musicscan: Was macht einen perfekten Song aus? Wie würdest du einen perfekten Song beschreiben?

David Lemaitre: Strophe - Ref - Strophe - Ref - Bridge -Doppel Ref . Ne, kleiner Scherz. Ich sag mal der perfekte Song ist der, der noch geschrieben werden muss. Deshalb macht man das ja, oder?

Musicscan: Was macht Musik als Ausdrucksform für dich besonders interessant?

David Lemaitre: Ich bin noch fasziniert, wie süchtig man danach ist. Vom tränenrüherenden Song bis zum intensivsten Abgeschranze im Club ist alles drin. Ich find es immer noch unglaublich.

Musicscan: Was ist dir abgesehen von der Musik in deinem Alltag noch wichtig? Was inspiriert dich außer Musik?

David Lemaitre: Gutes, wirklich gutes Essen. Meine Brüder. Kaffee. Berge. Alleine sein. Alte Menschen. Filme. Höflichkeit.

Musicscan: Was würdest du machen, wenn es mit der Musik nichts werden sollte?

David Lemaitre: Musiker gehen nicht in Rente, sie sterben, sagt man ja. Ich weiß es nicht, das fragt sich gerade in meinem Umfeld manch einer. Aber es scheint auch gerade daraus eine sehr schöne Energie zu entstehen. Also, weitermachen!

Musicscan: Was darf man von dir in nächster Zeit erwarten? Irgendwelche weiteren Veröffentlichungen oder Touren geplant?

David Lemaitre: Ich arbeite an meinem ersten Album. Im Herbst geht es erneut auf Tour. Nächstes Jahr im Frühjahr wird das Album rauskommen.

 
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