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Alcest

Storie von: arne, am 19.05.2011 ]

ALCEST aus Frankreich zählen zu den Gruppen mit Black Metal-Verbundenheit, die längst auch außerhalb dieser Extrem-Sparte viele Hörer begeistern. Wolves In The Throne Room und Ulver sind weitere namhafte Beispiele. Der Zugang einer breiteren Hörerschaft wird dadurch ermöglichst, dass die Künstler nicht puristisch in eng abgesteckten Spielmustern verharren, sondern über den Tellerrand hinaus schauen und ihren Sound auf eine allgemeine Basis stellen.

 
Das ist bei ALCEST schon auf der Debüt-MCD von 2005 so gewesen, die von Prophecy nun überarbeitet neu aufgelegt wird. „Le Secret“ ist durchaus als Black Metal zu verstehen, kann aber ebenso gut als Shoegaze-Post-Rock oder einfach nur ergreifende, martialische Roots-Musik begriffen werden: „Im Kontext von ALCEST beschäftige ich mich mit spezifischen Themen wie esoterischen Grenzerfahrungen, dem Leben nach dem Tod, Seelenwanderung und den Restriktionen der menschlichen Sinneswahrnehmungen,“ klärt Kreativkopf Neige (auch Peste Noire, Celestia und Mortifera) über den Ansatz auf. „Dem Erkunden des nicht Greif- und Erfassbaren widme ich mich seit mehr als zehn Jahren. ALCEST ist buchstäblich der Sound aus einer anderen Welt, der mein Leben begleitet.“

Der Franzose belegt ein feines Gespür für die Vertonung großer Gefühle sowie die Inszenierung facettenreicher Kopfkino-Welten: „Ich verstehe, dass man den Sound als sehr extrem verstehen kann, auch wenn es zweifellos extremere Bands und Komponisten gibt. Letztlich hängt die Wahrnehmung davon ab, wie die Ideen umsetzt sind. Ich hätte ALCEST auch nur mit klassischen Instrumenten und Chören angehen können, bin aber zu sehr von Metal und Rock inspiriert, um diesen Weg zu wählen. Die Form ist für die Wirkung der Kompositionen allerdings nachrangig.“ Dergestalt entwickeln sich die Songs. „Le Secret“ wirkt mal entrückt und in Tagträumen gefangen, fokussiert dann auf blankes Entsetzen und Herzschmerz mit jähem Geschrei, wühlt mit schrammligen Gitarren auf oder verliert sich in melancholischer Traurigkeit:

„Meiner Auffassung nach muss jegliche Form von Kunst auf reinen und starken Impulsen basieren und für sich allein stehen. Es ist illusorisch, zu unterstellen, dass man die Umstände und Empfindungen anderer Künstler, die man schätzt, nachempfinden oder reproduzieren kann. Nur den Innovatoren ist reine Kompromiss- und Gestaltungsmöglichkeit gegeben. Das ist im Black Metal so wie in anderen Kunstformen. Für mich ist immer schon diejenige Musik die beste gewesen, die mit Magie und Spannung etwas Neues schafft. Letztlich geht es doch immer um Emotionen. Ich bevorzuge die Bands, die unabhängig von Genregrenzen und Konventionen nach einem eigenen Sound streben und die ganz in ihrem eigenen Klanguniversum aufgehen. Künstlerische Revolution muss das Ziel jedes Künstlers sein.“ Zwischen dezent entwickelten und instrumentierten Passagen feiner Nuancen und noisigen Wall-of-Sounds setzen ALCEST starke Kontraste und Gegensatzpaare, die atmen und häufig länger während instrumental verbleiben:

„Als ich 2001 damit begann, „Le Secret“ zu komponieren, war ich enthusiastisch und berauscht von dem Gefühl, dass es mir endlich möglich war, abstrakte Empfindungen und surreale Ideen musikalisch adäquat umzusetzen,“ erinnert sich Neige. „Im Songwriting strebe ich noch heute danach, dieses Gefühl zu erreichen. Stellt es sich ein, weiß ich,


etwas Besonderes erschaffen zu haben. ALCEST ist in dieser Hinsicht mehr als nur eine Band oder Musik. Es ist das Zeugnis esoterischer Erfahrungen, die ich im Kindesalter durchlebt habe und die mich als Menschen nachhaltig prägten. Es geht um starke Gefühle, egal, ob ich mir frühere Kompositionen neu vornehme oder ganz neue erarbeite. Mit der Neubearbeitung von „Le Secret“ bin ich sehr zufrieden, nachdem der Sound der ursprünglichen Version nicht so ausgefallen war, wie ich es gerne gehabt hätte. Die Hörer werden nun besser verstehen, welche Absichten ich im Hinterkopf hatte, als die Songs einst entstanden sind.“

Der vielseitig interessierte Franzose scheint schnell gelangweilt zu sein, weshalb er immer wieder Neues ausprobiert: „Das hilft dabei, Stagnation zu vermeiden und neue musikalische Horizonte zu erkunden,“ bestätigt es der Musiker. „Aktuell nehmen wir gerade unser drittes Album auf, und ich kann schon versprechen, dass sich der Stil von ALCEST schon wieder verändern wird. Um wahrhaft einzigartige Kunst zu erschaffen, bedarf es Ideen, Kreativität, Talent, Fertigkeiten und Einstellung. Das Mischungsverhältnis ist von Band zu Band verschieden. Jedoch gilt es, nichts für selbstverständlich zu nehmen und sich von externen Einflüssen völlig frei zu machen. Platten nur deshalb zu veröffentlichen, weil man Aktivität unter Beweis stellen will, ist kein guter Ansatz. Die Leute merken es schnell, wenn eine Band eigentlich nichts zu sagen hat oder nicht aufrichtig bei der Sache ist. Wenn man nicht in der Lage ist, das Beste aus sich heraus zu holen, weil die Kreativität gehemmt ist oder das Gefühl nicht stimmt, muss man pausieren.“

Bei ALCEST passt alles zusammen, ihre Songs bescheren den Hörern ein Auf und Ab der Gefühle – nicht zuletzt auch aufgrund des Gesangs. Engelsgleiches, süßes Singen und wildes Gekeife flankieren die kompromisslose Entdeckungsreise der Franzosen, die weniger spontan ist, als man meint: „Das ist ein interessanter Punkt, den ich oft mit Leuten diskutiere, die selbst Songs komponieren. Primär geht es mir nicht um Klänge. Wenn ich arbeite, richte ich meine Aufmerksamkeit auf Akkorde, Noten und die Songstruktur. Für mich ist ein guter Song ein Song, der auf verschiedenen Instrumenten gespielt werden kann und immer gut klingt. Ein Lied muss einer Logik folgen und in dieser stimmig sein. Die Aufgabe des Komponisten ist es am Ende nur, sie zu entdecken. Deshalb bleibt für Improvisation im Kontext von ALCEST kein Raum, schon gar nicht auf der Bühne. Ich bin Perfektionist. Alles muss so sein, wie ich es mir vorstelle und festlege. Bisweilen findet man bessere Arrangements, wenn man sich verspielt und kleine Fehler macht, doch vom Ansatz her ist bei ALCEST alles geplant und feststehend.“ Mit dieser Grundhaltung hat die Band mit ihren entrückten Sounds von Beginn an starke Identität gefunden, dank derer sie ihre Sonderstellung einnimmt.

 
 Links:
  myspace.com/alcestmusic
 
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