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Earth

Storie von: arne, am 25.04.2011 ]

Zuletzt blickte SouthernLord noch auf die Anfangstage der Drone-/Doom-Vorreiter zurück. Wie sehr sich EARTH bis heute sowohl mental als auch vom Sound her von ihren Ursprüngen entfernt haben, offenbart das neue Studio-Album. In der minimalistischen, reduzierten Grundhaltung gibt es noch Überschneidungen, doch die Wirkung ist eine ganz andere. „Angels Of Darkness, Demons Of Light 1“ wird songdienlich von einer eingespielten Viererbesetzung inszeniert. Die Richtung gibt Genre-Ikone Dylan Carlson vor, doch EARTH sind längst zu einer Band gereift, die mit jeder Veröffentlichung andere Aspekte ihres Roots-Musik-Universums auslotet.

 
Auch die Wertschätzung und das Interesse von Hörern und Journalisten sind über die Jahre gewachsen, wie der gut gelaunte Kreativ-Kopf im Telefonat berichtet: „Heute ist der dritte Tag, an dem ich am Stück Interviews gebe und nichts Anderes tue. In diesem Ausmaß habe ich es noch nie erlebt. Die Leute sind verrückt nach uns und der neuen Platte. Das Interesse ist stärker als jemals zuvor, was uns natürlich freut. In der Vergangenheit haben wir Interviews immer nur auf einem sehr überschaubaren Level gegeben. Die Zeit ist für eine Band wie die unsere wohl noch nicht reif gewesen. Das hat sich scheinbar geändert.“ Überwindung oder Arbeit bedeutet das für den eigentlich introvertiert wirkenden Musiker weniger als gedacht: „Es macht Spaß, und ich kann mir schlimmere Sachen vorstellen, als Interviews geben zu müssen. Es gehört dazu, und es macht ja auch Spaß, mit Leuten zu sprechen, die einen selbst und seine Arbeit schätzen und denen es viel bedeutet, mit einem zu reden, um ein besseres Verständnis unserer Arbeit und Einstellung zu erlangen.“

Die Geschichte hinter der „A Bureaucratic Desire for Extra Capsular Extraction“-Veröffentlichung (der kombinierten und remasterten Zusammenstellung der „Smegma Studio Sessions” von 1990) ist ebenfalls eine Folge der anhaltenden Nachfrage nach dem frühen Material von EARTH gewesen, wie Dylan verrät: „Letztes Jahr ist uns während unserer Kurz-Tour in Europa, aber auch während einiger US-Gigs, aufgefallen, dass die Leute auch nach den ganz frühen Sachen fragen. Das galt sowohl für die loyalen Fans, die wir haben, als auch für die jüngeren Hörer, die uns erst seit „Hex“ kennen. Die Nachfrage nach unseren Sub Pop-Platten wurden immer lauter, aber auch nach den Sachen davor. Es macht ja auch durchaus Sinn, die Entwicklung unserer Band rückblickend nachzuvollziehen und zu verstehen, wie sich der Sound über die Jahre entwickelt hat. Dieses Interesse ehrt uns, also haben wir uns dafür eingesetzt, die frühen Sachen wieder offiziell verfügbar zu machen.“ Und endlich gibt es die mehr als zwanzig Jahre alten Aufnahmen so, wie sie vom Künstler einst intendiert waren: „Ich selbst schätze vor allem den Umstand, dass „A Bureaucratic Desire for Extra Capsular Extraction“ jetzt endlich als das Album erschienen ist, das es eigentlich schon damals sein sollte. Die Aufsplitterung war so nie geplant. Darüber hinaus hat das Material nun auch ein adäquates Mastering erhalten, das schlichtweg besser klingt. Es ist aber klar, dass jedes Album das Produkt seiner Zeit ist, die deine Persönlichkeit zur Zeit des Entstehens widerspiegelt. Heute sehe ich einige Dinge anders und würde die Songs anders umsetzen, aber den Blick zurück ist auch für mich spannend. Schließlich habe ich damals mit Sounds und den Möglichkeiten der Aufnahmen experimentiert und die Basis für das geschaffen, was EARTH später auszeichnen sollte. Ich stehe zu allem, was ich getan habe, auch wenn ich einige Songs mehr als andere mag. Mir gefällt das Fazit, dass wir uns kontinuierlich entwickelt haben.“

Mastermind Dylan Carlson hat EARTH 1989 gegründet. In den ersten Jahren war er auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen für bedrohliche, schwere und dennoch atmosphärisch schöne Gitarren-Musik. Was später unter dem Banner Drone laufen sollte, zeigt sich auf „A Bureaucratic Desire for Extra Capsular Extraction“ nur rudimentär und ist noch nah an klassische Doom- und Heavy-Arrangements angelehnt. Die Hinwendung in Richtung meditativer, repetitiver und Feedback-geprägter Düster-Sounds wird allerdings schon deutlich. Der Ansatz ist es, mit dem minimalen Einsatz von Gitarre, zwei Bässen (einer bedient von Joe Preston), einem verhalten genutzten Drum-Computer und wenig Gesang (Bei ,Divine And Bright‘ ist Carlson-Freund Kurt Kobain zu hören.) ein maximales Druck-/Intensitätslevel und Klangvolumen zu erschaffen. Gerade auch deshalb macht das kombinierte Re-Release Sinn: „Einige der Stücke waren ja bereits über No Quarter Records wieder veröffentlicht, doch damals hatten wir noch kein gutes Master zur Verfügung, so dass der Sound nicht optimal war. Dieses Mal konnten wir auf die originalen Master-Bänder zurück greifen, die zwischenzeitlich wieder aufgetaucht sind, und so ohne Neuaufnahmen ein tolles Ergebnis erzielen. Ein Remastering ist anders als Neueinspielen. Die Idee, alte Stücke neu aufnehmen zu müssen, gefiele mir überhaupt nicht, weil ich lieber mit neuen Ideen arbeite. Deshalb sind wir umso glücklicher, dass „A Bureaucratic Desire for Extra Capsular Extraction“ vom Sound her so gut geworden ist.“

Wie sehr sich EARTH bis heute sowohl mental als auch vom Sound her von ihren Ursprüngen entfernt bzw. sich weiter entwickelt haben, offenbart nun der direkte Vergleich mit dem neuen Studio-Album der Band. In der minimalistischen, reduzierten Grundhaltung gibt es natürlich noch Überschneidungen, doch die Wirkung ist eine ganz andere. „Angels Of Darkness, Demons Of Light 1“ wird songdienlich von einer festen und eingespielten Viererbesetzung inszeniert: „Heutzutage verstehe ich EARTH und die Musik als Produkt einer Gemeinschaft. Früher habe ich sowohl die Songs geschrieben als auch die Richtung vorgegeben. Einflüsse anderer Musiker habe ich nicht zugelassen. EARTH war meine Band, keine Gruppe. Heute gibt es mehrere Leute, die sich im Songwriting einbringen, austauschen und gemeinsam an den Songs arbeiten. Das verbreitert den Blick auf die Musik und verändert unweigerlich auch die Art und Weise, wie EARTH klingen und wirken. Interessant finde ich den Umstand, dass EARTH früher weitaus aggressiver orientiert waren.


Das hat sich im Gruppengefüge abgeschwächt. Früher sind wir aber natürlich auch jünger gewesen und wollten die Welt verändern.“ Das neue Album wirkt in sich gekehrt und melancholisch, ohne in Schwermut zu versinken. Vielmehr ist von majestätischer Anmut und übergeordneter Generalität auf einem reduziert instrumentierten Level zu sprechen: „Natürlich gibt es grundlegende Muster und Vorlieben, denen ich treu bleibe und die sich auf allen unseren Platten finden,“ so Dylan. „Das ausgebremste Tempo und lange, ausladende Songs werden immer typisch für EARTH bleiben. Abgesehen davon folgen wir dem Anspruch, weder ein Stück noch ein Album doppelt aufzunehmen und beständig voran zu schreiten. Auch wenn wir dieselben Leute bleiben, verändert sich unser Blick auf die Musik fast zwangsläufig. Wir witzeln darüber, dass das eine unser Jazz-Album ist, das folgende unsere Blues-Platte usw. Wir versuchen uns in unterschiedlichen Genres und streben danach, sie miteinander zu kombinieren – im Rahmen unserer Möglichkeiten. All das, was wir uns erarbeitet haben, findet sich im Spiel von EARTH wieder, ohne dass wir im Songwriting noch einmal dieselben Wege einschlagen. Wir suchen uns lieber neue und schätzen den Umstand, immer wieder Neuland zu betreten. Würde ich etwas krass Anderes versuchen, müsste ich wohl eine neue Band gründen, doch den verbindenden Faden zwischen den Veröffentlichungen von EARTH kann man schnell finden, so dass es nicht nötig ist.“

Britischer Folk-Rock vergangener Tage und nordafrikanische Tuareg-Klänge sollen die wiederum ausladenden Kompositionen beeinflusst haben. Zu hören ist es kaum, und eher denkt man an verlassene Spuk-Städte im einst Wilden Westen und die endlose Weite der Prärie: „Wer sich ausschließlich an einem definierten Genre orientiert, kann fest stehenden Blueprints folgen, die den Rahmen dessen abstecken, was möglich ist. Es gibt Bands, denen das reicht, und das ist vollkommen okay. Innerhalb von Grenzen zu bleiben, ist auch nicht zwangsläufig leicht, denn man muss auf den Punkt kommen, weil die Leute die verwendeten Elemente kennen. Mir selbst läuft die Limitierung meiner kreativen Möglichkeiten zuwider. Deshalb gibt es keine und wir gehen ergebnisoffen vor. Es gibt so viel zu entdecken, weshalb sollte ich es bewusst ausschließen? Wenn man nach dem Ansatz der jüngeren EARTH sucht, muss man konstatieren, dass wir in der Musik-Historie zurück schauen und generelle Stile neu entdecken. Hard Rock und Heavy Metal sind ja auch dem Rock’n’Roll entwachsen, der wiederum auf dem Blues und Country basiert. Diese Entwicklungen zu rekapitulieren, ist spannend und eröffnet uns viele Möglichkeiten. Aktuell bin ich von britischem Folk-Rock begeistert und höre kaum etwas Anderes. Vielleicht hört man auf „Angels Of Darkness, Demons Of Light 1“ die eine oder andere Anspielung. Musik ist für mich eine Zeitschleife. Alles ist schon einmal da gewesen und kommt allenfalls in veränderter Form wieder. Diejenigen Künstler, die davon sprechen, etwas grundlegend Neues entdeckt zu haben, müssen aus meiner Sicht falsch liegen. Vielleicht sind der Kontext und der individuelle Stempel anders, doch eigentlich immer hat es die Sounds schon gegeben, wenn man ein wenig sucht und die Historie kennt.“ Dylan Carlson & Co. erschaffen neuerlich berührende Roots-Musik mit Post-Drone-Touch und ganz besondere Stimmungen: „„The Bees Made Honey In The Lion's Skull“ ist mir im Rückblick zu dicht und eingeengt gewesen, auch wenn ich die Platte nach wie vor mag. Das neue Album entwickelt sich nun freier und hat einen noch besseren Sound, der die Tracks noch intensiver wirken lässt. Dadurch kommt „Angels Of Darkness, Demons Of Light 1“ flüssiger voran und die Akzente, wie das Cello-Spiel, sind noch offenkundiger. Dazu kann Adrienne (Schlagzeug) endlich so agieren, wie sie es schon immer wollte. Unsere alte Arbeitsweise hat sie eingeschränkt. Dieses Mal gibt es keine Limitierungen. „Angels Of Darkness, Demons Of Light 1“ ist als Live-Album entstanden. Wir haben im Studio zusammen experimentiert und gespielt, ohne die Songs vorher richtig komponiert zu haben. Die Interaktion und das wachsende Verständnis sind für die Wirkung von EARTH weitaus wichtiger, als fest stehende Strukturen oder moderne Studio-Technik. Wir haben uns weder verstellt noch etwas Anderes gemacht, als das, was wir auch auf der Bühne tun.“

Hier drücken sich nochmals das Eigenverständnis und die Ansprüche der Musiker an ihre Band und Musik im Generellen aus: „Technik und Handwerk sind die nötigen Voraussetzungen, wirkungsstarke Songs schreiben zu können. Handwerklich versiert zu sein und die Technik zu beherrschen, garantiert jedoch nicht dafür, gute Songs zu schreiben. Bewusstsein, Anspruch, Stimmungen und Kontext kommen auch dazu und sind weitaus wichtiger. Es geht nicht darum, Expertise zu zeigen. Der technische Aspekt sollte meiner Ansicht nach niemals zu offensichtlich stehen,“ so Dylan. „Bei allen großen Musikern stehen Stimmungen und Gefühle im Vordergrund. Dazu kommt, dass je komplexer und voll gepackter die Musik ist, desto eher tendiert sie in Richtung Krach. Musik sollte möglichst einfach und hörerfreundlich angelegt sein. Ich schätze die Tage, in denen das Live-Spielen wichtiger war, als Platten aufzunehmen. Die Wertigkeit der Musik war eine ganz andere. Und die Leute haben sich die Zeit genommen, Songs und Bands zu entdecken und haben direkt die Künstler unterstützt. In den Mechanismen der Musik-Industrie hat sich das verloren, doch die nötige Korrektur setzt gerade ein. Heute ist es wieder wichtiger, ein guter Live-Musiker zu sein, und das ist gut so. Was zählt, ist das, was man auf der Bühne abliefert und wie man mit dem Publikum interagiert und es begeistert.“

 
 Links:
  myspace.com/earthofficial
 
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