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Gräfenstein

Interview von: Daniel mit Greifenor, am: 06.12.2010 ]

Manchmal muss man die Musik einfach für sich sprechen lassen. Während andere Bands ihr bizarres Image pflegen, gehen GRÄFENSTEIN unbeirrt ihren Weg des Understatement. Im Black Metal ist es nicht unüblich, dass Pseudonyme und extreme Haltungen das eigentlich Wichtige –nichts weniger als die Musik – in den Hintergrund geraten lassen. GRÄFENSTEIN beweisen mit dem neuen Album „Skull Baptism“, dass es auch anders geht. Eine wüste, geradlinige und jederzeit brutale Mischung aus Thrash und fiesem Black Metal markieren ein Highlight des ausgehenden Jahres 2010. Grund genug beim deutschen Trio nachzuhaken.

 

Musicscan: Im Internet ist nicht viel über die Band zu erfahren. Drei Mitglieder, Gründungsjahr 2000 und zwei Vorgängeralben, die zumindest mir nicht bekannt waren. Haltet ihr die Informationen über die Band absichtlich zurück, also als eine Art „Musiker verschwinden hinter dem Gesamtkunstwerk“, oder haltet ihr Eure Biographien für eher überflüssig?

Gräfenstein: Es gab für uns bis jetzt nie wirklich den Anlass, mehr Hintergrundwissen über Gräfenstein und seine Mitglieder zu verbreiten. Es gibt hierzu auch nicht viel zu berichten. Gräfenstein ist Ulvernost, Hackebeil und Greifenor. Ulvernost und ich haben die Band aus einer namenlosen Thrashmetal-Band heraus im Jahr 2000 gegründet, Hackebeil ist nach 5 Jahren hinzugestoßen und nun ein nicht mehr weg zu denkendes Kreativmitglied geworden. In dieser Konstellation besteht die Band heute, um extreme Musik zu produzieren und Live zu zelebrieren. Was wir Privat treiben oder welchen Interessen wir neben der Band noch so nachgehen ist hierfür relativ unwichtig, obwohl sich beide Bereiche durchaus stark durchdringen. Gräfenstein ist für uns ein Teil unseres Lebens. Die Charaktere dahinter denken und handeln in der Band nicht anders als im Privatleben. Es gibt keine Maskerade oder künstlich erschaffene Persönlichkeiten. Gräfenstein ist ein Abbild unserer Gedanken- und Charakterwelt, ein Spiegel der Protagonisten. Nicht mehr und nicht weniger.

Musicscan: Da sicher nur wenigen bekannt sein dürfte, was ihr vor „Skull Baptism“ gemacht habt, wie würdet ihr die Bandgeschichte bis dato zusammenfassen?

Gräfenstein: Unser Weg begann wie bereits erwähnt im Jahre 2000, führte über zwei Demos (Under The Veil Of Mist 2002, Beyond The Hate 2003) und dann zwei Alben (Silence Endless 2005, Death Born 2007) bis zur heutigen Zeit und der Produktion vom aktuellen Album SKULL BAPTISM. Bis zur Veröffentlichung des ersten Albums war Gräfenstein eine 2-Mann-Band mit diversen Bassisten als Verstärkung für Livekonzerte. Wir haben seit der Gründung kontinuierlich an der Erschaffung aggressiver, extremer Musik gearbeitet. Die Motivation hierbei hat sich im Laufe der Jahre kaum geändert. Wir kreieren die Musik noch genauso mit der selben Black-Thrash-Heavy-Rock’ n’ Roll-Attitüde wie damals, versuchen diese Energie in die Musik einzuschließen - ein Weg, der sich straight durch unsere Geschichte zieht und sich sowohl in der Musik als auch im Layout widerspiegelt. Wir Leben unsere Emotionen in der Musik aus, da hat sich seit Beyond The Hate nichts verändert, auch wenn sich die Musik in irgendeiner Art weiter entwickelt hat.

Musicscan: Zu „Skull Baptism“: Das Album ist heftig und druckvoll ausgefallen und entfernt sich (erfreulicherweise) vom dünnen Sound des Black Metal. Seid ihr insgesamt zufrieden und wie würdet ihr euren Sound benennen?

Gräfenstein: Wir sind sehr zufrieden mit der Produktion von SKULL BAPTISM. Das Album ist die erste Gräfenstein-Scheibe, die mit Klick aufgenommen wurde, und klingt somit etwas strukturierter als die Vorhergehenden. Ansonsten versuchten wir aber, den Sound so original wie möglich einzufangen und auf Trigger-Orgien und ähnliches zu verzichten. Mersus ist ein genialer Produzent, der eine unglaublich vielfältige Palette an Fähigkeiten im Studio hervorzaubert, und so exakt das Resultat erzielte, welches wir uns vorgestellt hatten. Wir begreifen uns zu einem großen Teil als Live-Band, unsere Lieder entstehen fast ausschließlich im Proberaum unter Live-Atmosphäre. Diesen Geist haben wir versucht einzufangen, und sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden!

Musicscan: Gibt es ein Konzept hinter der Band? Eine Art Leitfaden wie Satanismus scheint ihr nicht zu haben, denn zumindest textlich geht es eher in eine nihilistische Richtung, oder?

Gräfenstein: Wir verachten Religionen oder Ideologien, egal ob Christentum, Pseudo-Satanismus, Heidentum und anderen geistigen Müll. Jeder Mensch ist sein eigener Gott. Ich brauche keinen, der mir seine Scheiß-Ideen vorsetzt und mir erzählt, was ich denken oder glauben soll. So etwas steht meiner Selbstverwirklichung nur vollends im Wege. Unser Pfad ist das Chaos und der Exzess, das Ausleben der hellen und der dunklen Seite des Ichs, selbst Nihilismus ist da zu einseitig und beschränkt. Es geht um die Bejahung aller positiven und negativen Elemente, um reine Selbstverwirklichung. Und um Hass. Und um Gewalt. Und um Perversion. Morbidität. Um die Schöpfungskraft des Destruktiven . Die Faszination des Hässlichen. Die dunkle Seite ist genauso anziehend wie das Licht.

Musicscan: Ist die Konstellation als Trio Zufall oder gewollt? Plant ihr die Aufstockung um einen weiteren Musiker?

Gräfenstein: Gräfenstein besteht aus drei Individuen und ist in keiner anderen Konstellation vorstellbar. Jeder kann sich selbst ausleben und sein Instrument verwirklichen. Die Band steht sicher auf drei Beinen. Ein weiterer Musiker wäre hier nur eine Störung im Gleichgewicht!

Musicscan: Scheinbar habt ihr eine innige Verbindung zu Brasilien, wo ihr auch zumindest schon einmal auf Tour wart. Woher kommt diese Verbindung?

Gräfenstein: Ulvernost war vor einigen Jahren dort unterwegs und ist dort in Kontakt mit dem Black Metal Untergrund gekommen. Irgendwann kam dann die Anfrage, ob wir einige Konzerte in Brasilien spielen wollen; 2007 wurde die Idee dann verwirklicht, mit einer Tournee mit 7 Konzerten. In Brasilien Konzerte zu spielen unterscheidet sich, jedenfalls meistens, völlig von Europa. Die Voraussetzungen dort sind völlig andere. Eine „Metal-Infrastruktur“, wie man sie bei uns kennt, ist dort kaum vorhanden, nur in den Großstädten wie Sao Paulo, Curitiba oder auch Rio. In vielen kleineren Städten (Trotzdem Großstädte in deutschen Maßstäben) sind die „Clubs“ zum Beispiel entweder halbe Open-Air-Locations in der Innenstadt oder irgendwelche Hallen ohne richtigen Backstage. Die Organisation ist manchmal das halbe Chaos. Es kann alles Erdenkliche passieren: Von Luxusunterbringung mit allem Schnickschnack bis hin zur verlausten Absteige ohne Fenster mit Ungeziefer. Die PA’s sind meist schlecht, man bekommt ständig Stromschläge am Mikrofon oder die Bühne kracht unter den Füßen ein und das Bier schmeckt wie Wasser. Das Publikum aber ist um einiges radikaler und emotionaler als in Europa. Da spürt man eine Leidenschaft, die man hier gar nicht mehr kennt. Das macht schließlich den Reiz aus, der uns in diesem Jahr wieder dort hin gezogen hat, zu einer zweiten Tour durch die Unterwelten Brasiliens.

Musicscan: Eine Band, die mir spontan zu „Skull Baptism“ einfiel war Dissection und das ist sicher als Kompliment zu verstehen. Würdet ihr Dissection als Einfluss sehen und was beeinflusst Euch generell als Künstler, auch abseits von Musik?

Gräfenstein: Dissection hat wie viele andere Bands aus Skandinavien in irgendeiner Weise Einfluss auf die Entstehung unserer Musik genommen. Vom „nordischen“ Einfluss kann sich ja kaum eine Band im Black Metal fernhalten. Unsere Musik ist schon immer von radikalen, extremen und aggressiven Bands inspiriert worden, ebenso wie von altem Heavy-Metal, Thrash-Metal und auch Hardrock. Ohne diese Musikrichtungen wäre der Extrem-Metal gar nicht entstanden! Ein Abseits der Musik gibt es nicht, unsere Musik ist Teil unseres Lebens, das lässt sich nicht trennen. Es gibt bei Gräfenstein keinen literarisch pseudo-intellektuellen, spirituellen, semi-philosophischen oder mystischen Einfluss; ebenso wenig wie uns die Natur oder sonst irgendein anderer Kitsch geprägt hat. Wie wir unser Leben leben, so leben wir auch unsere Musik: nur der Pfad des Exzesses führt zum Palast der Weisheit!

Musicscan: Wie sieht die nähere Zukunft der Band aus, denn ich bin mir sicher, dass das Album sich hervorragend verkaufen wird?!

Gräfenstein: Ein gut laufendes Album würde die unschätzbare Arbeit von unserem Label (Black Hate Productions) honorieren, das ist es wert! Wir machen unsere Zukunft nicht abhängig vom Verkauf der CDs, wir würden das selbe Ding durchziehen, wenn kein Schwein die Scheibe kaufen würde. Nichts desto trotz werden wir das Album live im kommenden Winter und darüber hinaus anpreisen und sehen, wohin das Chaos uns treibt!

 
 Links:
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