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Cor

Interview von: arne mit Friedemann, am: 20.11.2010 ]

An der Küste sind das Wetter und der Umgangston mitunter rau. Nicht selten hört man unbequeme Wahrheiten. Auch COR fackeln nicht lange, sondern sprechen klar und direkt aus, was ihnen auf der Seele liegt. Die DIY-Kombo aus Rügen spielt sich auf ihrer neuen Platte „Herztier“ neuerlich ruppig durch einen ungestümen Mix aus Punk, Hardcore und Metal und geht keine Kompromisse ein. Die Songs sind als Appell zu verstehen, an seinen Träumen festzuhalten und seine Leidenschaften auszuleben – das eigene „Herztier“ zu pflegen.

 

Musicscan: Gibt es Neuigkeiten im Lager von COR die man neben der neuen Platte unbedingt wissen müsste?

Cor: Eigentlich ist alles beim Alten! Die selbe Band besteht aus den selben Leuten und macht mit der immer selben Leidenschaft Musik! Hört sich langweilig an, ist aber spannend und voller Leben !

Musicscan: Als Band ruft Ihre Eure Hörer immer wieder auf, sich eine eigene Meinung zuzulegen und für eigene Überzeugungen einzustehen. In den zurückliegenden Jahren schien die deutsche Gesellschaft eher lethargisch und uninteressiert, was ihr Umfeld und Probleme, die eigentlich alle angehen, anbelangt. Nun ist es anders: Es hat sich eine neue Protestkultur entwickelt und selbst der „zivile Ungehorsam“ erfährt in Stuttgart und im Wendland wieder ein Revival. Wird das Eurer Auffassungen nachhaltig sein und die Mentalität der Leute wirklich beeinflussen, oder ist das nur eine vorrübergehende Phase ohne längere Wirkung?

Cor: Ich hoffe das es lange anhält und sich die Menschen ihrer Kraft als Volk und als solidarische Gemeinschaft bewusst werden und sie immer wieder für eine gemeinsame Sache einsetzt! Was ich schön finde ist das Menschen aller Generationen, aller Denk – und Glaubensausrichtungen zusammen stehen und sich für eine wichtige Sache stark machen! Das hat mich immer wieder bei den Anticastor Demos über all die Jahre fasziniert – Punker steht neben Bauern steht neben Lehrer steht neben Verkäuferin ! Wunderbar! Wir haben gute Kontakte in diese Gegend und oft dort gespielt und so erzählte mir ein Einheimischer, dass die für das Polizeiaufgebot keine regionale Polizei mit ran ziehen, weil selbst die den Atommülltransport kritisch gegenüber stehen und selbst mit ihren Familien demonstrierten! So kann ein gemeinsames Ziel Menschen verbinden! Ich halte dieses gewaltfreie und gesellschaftsübergreifende Gesichtzeigen für den richtigen Weg etwas zu bewegen! Politik ist blind, die Menschen aber kennen alle den Alltag und können einen Druck erzeugen der ihren Vertretern und Angestellten in den Regierungen die Augen öffnet.

Musicscan: Wofür mobilisiert Ihr Euch neben der Band oder engagiert Euch bereits? Vielleicht gegen die Auswirkungen des Tourismus auf Rügen, den Auf- und Ausbau von Windrädern und deren Auswirkungen auf das Ökosystem,…?

Cor: Wir haben als Menschen unsere Leben im Kleinen so ausgerichtet, dass wir denken damit Dinge verändern zu können und diese nicht nur singend zu fordern. Ich bewirtschafte einen kleinen Bauernhof mit Tieren und Garten, der mir und meiner Familie ca. 50 Prozent Selbstversorgung erlaubt. Das möchten wir weiter ausbauen, um den Traum von einer teilweisen Loskopplung von der Industrie umzusetzen. Außerdem konsumiere ich nicht jeden Scheiß, habe kein Flachbildschirmfernseher, keinen Geschirrspüler, keine Mikrowelle etc. Und ja – es geht auch so und das sehr gut ! Ich bin der Überzeugung, dass wenn jeder im Kleinen ein wenig streikt und sich mit etwas weniger Luxus zufrieden gibt das einen großen Beitrag für eine bessere Welt ausmacht. Ich habe da ne naive Rechnung: wer weniger Strom verbraucht, benötigt auch weniger ! Also muss auch weniger erzeugt werden, also werden weniger Kraftwerke etc. gebraucht also gibt es weniger Umweltbelastung ! Und so wie es mit dem Strom ist verhält es sich mit allen anderen Waren, Gütern und Lebensmitteln! Weniger ist manchmal mehr!

Musicscan: Thematisch geht es in einem Song um das Verwirklichen von Träumen. Mit zunehmendem Alter und Verpflichtungen wird das Festhalten für viele schwierig bis unmöglich. Wie sieht es denn in dieser Hinsicht bei den Mitgliedern von COR aus?

Cor: Genauso schwierig aber nicht unmöglich! Für mich und meine Bandkollegen war immer klar: wir lieben Musik, wir wollen diese Band und wir wollen touren und Platten machen. Das tun wir, wir leben diesen „ Traum“ ! Problem ist, es muss auch was zu essen in den Topf , dass wird mit der Musik nichts - deshalb - arbeiten gehen! Ich denke man sollte an seinen Träumen festhalten und auf sie zu steuern aber nie dabei vergessen, dass man etwas dafür geben muss, um sie zu erreichen.

Musicscan: Auf T-Shirts von Euch steht „Dem Mainstream ein Kontra“. Warum das und nicht der Versuch, den Mainstream mit eigenen Ideen und Auffassungen positiv zu beeinflussen? t das Kontra gar nicht als Abgrenzung zu verstehen, auch wenn es nicht gerade einladend wirkt?

Cor: Dieses Kontra besteht auch aus dem Versuch den Mainstream positiv zu beeinflussen. Eine Popkultur mit Sinn und Inhalt, mit Herz und Verstand – wunderbar und her damit!! Ich war schon immer ein Freund davon sich vor der Zerstörung einen Kopf darüber zu machen, was man auf den Trümmern baut! Und so sehen wir auch unsere Musik und unsere Art zu leben als eine Alternative den Menschen zu zeigen, dass es auch gute Dinge neben dem Hauptstrom gibt. Und wenn sich viele Leute einer guten Idee anschließen – super! Nur dafür meine Seele verkaufen – niemals!

Musicscan: Das Cover spielt deutlich mit Stereotypen und dürfte – wohl beabsichtigt – polarisieren. Welche Seite dominiert aber bei Euch privat; die aggressive oder die ausgeglichene, freundliche?

Cor: Wir sind freundliche Menschen mit großem Herz ! Klar existieren in uns auch die dunklen Seiten, aber überwiegend ist es doch eher heiter ! Wir zeigen auf dem Cover was viele sehen wollen – Aggression, Brutalität, Ablehnung ! Ich denke JEDER Mensch besteht zu seinem größten Teil aus mehr ! Und wichtig ist bei diesem ganzen „harte Musik gemache“, dass man auch über sich lachen kann .

Musicscan: Das Album und auch der Titel lassen bei Euch auf ungebrochene Leidenschaft und unbändige Energie schließen. Was treibt Euch vor allem an und was schürt Eure Wut, um immer wieder so aggressiv aufzuspielen?

Cor: Das Leben, Erfahrungen, Beobachtungen! Halte die Augen und Ohren offen, setze deine Sinne ein und du sammelst die Eindrücke, die dich antreiben solche Art von Musik zu machen! Mir reichen die Nachrichten oder eine Stunde auf dem Sozialamt mit meinen Betreuten! Kurz vor der Show, wenn ich müde und kaputt bin, denke ich ein wenig über unsere Gesellschaft nach – und ab geht’s! Bei aller Wut und Aggression trage ich viel Hoffnung in mir und verpacke auch sie in Texte!

Musicscan: Sofern Ihr schon so viel Feedback habt, dass eine Tendenz abzusehen ist: Wie kommt denn der schroffe, direkte Sound von „Herztier“ an? Für manche Hörer könnte es fast zu viel des Guten sein, weil solche Quasi-Live-Produktionen nicht mehr so häufig gewählt werden. Oder nicht?

vViele Leute meinten, dass ihnen unser Live Sound gefällt – uns auch! Deshalb haben wir dieses Aufnahmeverfahren gewählt und die Sache ist ziemlich dreckig und aggressiv geworden, mit anderen Worten – wunderschön! Wir finden es toll, wer es nicht mag drückt die Stop – Taste !

Musicscan: Es scheint so, als hättet Ihr den Anspruch, mit jeder Platte und sogar mit jedem Song Reaktionen der Hörer provozieren zu wollen. Ist dem so, und wenn ja, seid Ihr mit den Reaktionen zufrieden?

Cor: Wir geben mit unseren Texten einen Teil von uns preis und verlangen dafür etwas zurück – eine Reaktion, eine bessere Idee, eine Ablehnung, eine andere Sicht ! Ich finde das wir als Band COR dafür da sind, Menschen zu bewegen sich Gedanken zu machen ! Ich bin für Reaktionen sehr dankbar und habe auf diese Art auch meinen Horizont erweitert!

Musicscan: Welche Tipps habt Ihr abschließend, um das eigene „Herztier“ trotz aller Widrigkeiten, die man durchlebt, am Leben zu halten und seine Leidenschaft nicht zu verlieren?

Cor: Einfach mal darüber nachdenken was man ohne seine Leidenschaft wäre ! Was würde einem fehlen? Wie würde man leben? Wäre das wirklich besser ? Ich war mal ein guter Schlagzeuger, hab in vielen Bands gespielt und damit auch Geld verdient! Dann hatte ich 3 schwere Badscheibenvorfälle und Lähmungserscheinungen im rechen Bein! Schluss wars mit der Musik ! Ich lag zu haus im Bett und kam aus dem Heulen nicht mehr raus ! Und dann habe ich mir mein Leben ausgemalt, ohne Konzerte, ohne Band, ohne Touren ohne die Mühsal der langen Fahrten ohne Bandkollegen, ohne stinkenden Proberaum! Ein ALBTRAUM ! Also bin ich Sänger ( oder Schreihals geworden ), denn ohne meine Leidenschaft , ohne Musik wäre ich ein Krüppel in einem verkrüppelten Leben geworden!

 
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