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Haldern Pop Festival

Interview von: Matthias Rauch mit Wolfgang Linneweber & Stefan Reichmann, am: 12.08.2010 ]

Über das Haldern Pop Festival muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Es gehört seit Jahren zu den qualitativ hochwertigsten Festivals. Das liegt unter anderem daran, dass man stets versucht, das Festival-Erlebnis immer weiter zu verbessern. In Zeiten, in denen sich die meisten Festivals in Richtung Quantität entwickeln, bleibt das Haldern Pop so überschaubar wie es ist. Und das ganz bewusst, obwohl die Tickets fast jedes Jahr schon Monate im Voraus ausverkauft sind. Wir sprachen mit Wolfgang Linneweber und Stefan Reichmann über die Gegenwart und die Zukunft des entspanntesten und sympathischsten deutschen Festivals.

 

Musicscan: Linne, wie bist du denn zum Haldern gekommen? Wie hat das Ganze für dich angefangen?

Haldern Pop Festival: Stefan und ich hatten uns via die WESTZEIT kennengelernt und sind ins Gespräch gekommen.

Musicscan: Inwiefern hat sich das Festival über die Jahre aus deiner Sicht verändert?

Haldern Pop Festival: Linne: Haldern ist zunächst überregional, in den letzten Jahren auch international bekannt geworden. Das Bewusstsein, dass man auch Verantwortung für sein Heimatdorf und eine Region übernimmt, ist gleichzeitig gereift. Die mehrsprachige Kommunikation hat Früchte getragen und es kommen Gäste aus ganz Europa und sogar aus Übersee.

Musicscan: Worauf freust du dich beim diesjährigen Festival am meisten?

Haldern Pop Festival: Linne: Ehrlich gesagt, auf liebgewonnene Bekannte und Freunde, die man eben leider nur in Haldern trifft und die jedes Jahr ein bisschen älter werden. Und auf kuschlige Momente im Spiegelzelt oder backstage, wo wir uns nach Feierabend ein paar kühle Bierchen hinter die Binde kippen und schön blödeln.

Musicscan: Könntest du uns an einer deiner Lieblingserinnerungen bezüglich des Festivals teilhaben lassen?

Haldern Pop Festival: Linne: Ein großer Moment für den sonst unauffällig hinter den Kulissen wirkenden alten Mann war sicher mein völlig unverhoffter Auftritt als Ansager beim 25. Jubiläum. Stefan hatte mich einfach ins Scheinwerferlicht geschubst. Kurz drauf stand er, umgeben von fünf Teletubbies vor mir. Als ich mich am nächsten Tag in Messiaspose doppelseitig in der RP sah, war ich natürlich völlig platt. Seitdem wurde ich im Raiffeisenmarkt mit Herr Linneweber angesprochen.

Musicscan: Die Frage stellt sich eine Vielzahl von Menschen wahrscheinlich ein ums andere Mal: Wäre es für euch jemals vorstellbar, das Haldern Pop zu erweitern sowohl was das Gelände und damit die Zuschauerzahl als auch was die Anzahl an Bands angeht?

Haldern Pop Festival: Linne: No way. Der alte Reitplatz ist mit seinen Abmessungen das Maß aller Dinge. Wachstum ja, aber nur qualitativ.

Musicscan: Gibt es beim diesjährigen Festival irgendwelche organisatorischen Veränderungen? Was habt ihr euch dieses Jahr Besonderes einfallen lassen?

Haldern Pop Festival: Stefan: Großartig verändern wollen wir eigentlich nichts, aber partiell optimieren wir immer wieder unsere Vorstellung eines guten Festivals. Wie können wir an der Qualität arbeiten ohne in Quantitäten abzugleiten? Im letzten Jahr eröffneten wir in der Dorfmitte unsere Haldern Pop Bar mit Klavier, einem Haldern Pop Laden und die Büros vom Festival, der Werbeagentur, des Labels und der TV Abteilung und um dieses in den Festivalkontext zu integrieren, kann man hier am Festivalwochenende frühstücken, CDs, Vinyl und Shirts schnuppern und auch die ein oder andere Band am frühen Nachmittag oder am Donnerstag Abend sehen. Die Leute sollen sehen, was und wie sich unsere 27-Jahre alte Idee weiter entwickelt und wie aus sogenannten ‚soft skills’ interessante ‚hard facts’ für die Region entstehen. Es wird ein Klavierkonzert von Nils Frahm im Tonstudio Keusgen in Haldern, direkt am Festival Campingplatz, geben. Es ist wichtig, eine Entwicklung zu sehen und Perspektiven zu schaffen, um die Motivation dieser Idee weiter lebendig zu halten. Denn dieses Festival lebt von der Begeisterung seiner Protagonisten.

Musicscan: Wie gestaltet sich die Pressearbeit für das Festival? Betreust du das Festival/Label das ganze Jahr über oder erst einige Monate zuvor?

Haldern Pop Festival: Linne: Weil wir in Sachen Haldern zu Showcases und Kongressen unter anderem auch im Ausland eingeladen werden, arbeiten wir irgendwie das ganze Jahr über am Thema. Neue Einsichten diskutieren wir und manchmal finden sie ihren Weg auch ins Festivalkonzept. Für das Label schreibe ich nur die Release-Infos oder betreue auch mal einen Interviewtag.

Musicscan: Wie muss man sich einen durchschnittlichen Arbeitstag im Leben von Wolfgang Linneweber zwei Wochen vor Festivalstart vorstellen?

Haldern Pop Festival: Linne: Ich bearbeite dann die Akkreditierungsanfragen, beantworte Fragen von Journalisten zum Procedere vor Ort, schreibe Bandinfos und Pressemitteilungen. Richtig hektisch wird es aber erst ein paar Tage vorher und auf dem Festival selbst. Dann spricht man plötzlich vier Sprachen gleichzeitig, versucht jedem schnell zu helfen und ist nachher natürlich völlig durch. Im wirklichen Leben habe ich ein Büro für z.B. Übersetzungen, PR Online- und Print-Redaktion und moderiere regelmäßig bei Vernissagen wie zum Beispiel in einer niederländischen Kunstinstitution namens Odapark

Musicscan: Was macht das Festival für dich zu etwas Besonderem? Worauf stützt sich der hervorragende internationale Ruf des Festivals deiner Meinung nach primär?

Haldern Pop Festival: Linne: Haldern ist inhaltlich und materiell ziemlich unabhängig. Stell dir doch einfach mal vor, du sähest links und rechts der Bühne die Logos eines internationalen Konzerns, der plötzlich ein Imageproblem hat. Diese Unabhängigkeit zeitigt hoffentlich eine gewisse Glaubwürdigkeit, die unsere Gäste und Künstler schätzen. Inhaltlich soll unsere Programmstruktur wegweisend sein. Originalität und Integrität der Künstler stehen im Vordergrund, kommerzielle Zugeständnisse muss Haldern normalerweise nicht machen. Im Ausland weiß man das inzwischen auch und beneidet uns ein wenig darum.

Musicscan: Inwiefern ist das Haldern Pop immer noch eine sehr kommunale Angelegenheit? Inwieweit sind die Kommunen in der Ausrichtung des Festivals nach wie vor eingebunden? Erzähl doch bitte auch etwas zur geplanten Gründung einer Stiftung, die ja genau an dieser Dynamik ansetzen soll, wenn ich das richtig verstehe.

Haldern Pop Festival: Linne: Das Festival ist ein Projekt, das ohne paar hundert Freiwillige nicht zu stemmen wäre. Die enorme freiwillige Leistung dieser Idealisten verdient unseren Respekt. Deshalb kann man Haldern auch kaum einem anderen Festival vergleichen. Eine Stiftung könnte die positiven – vor allem sozialen und identitätsstiftenden - Wirkungen des Festivals auf die Dorfgemeinschaft für die Zukunft sichern.

Musicscan: Die wirklich großen Namen, abgesehen von The National oder Mumford & Sons vielleicht, fehlen dieses Jahr. War dies ein bewusster Schritt und auch eine finanzielle Notwendigkeit oder wolltet ihr jungen, noch eher unbekannten Künstlern mehr Platz einräumen?

Haldern Pop Festival: Linne: In Haldern geht es nicht um große Namen sondern in erster Linie darum, neue, innovative, intelligente und emotional ehrliche Musik zu entdecken. Wie die Unterhaltungsindustrie und die so bekannt gewordenen Künstler anschließend damit umgehen, liegt nicht in der Hand des Haldern Pop Festivals. Gott sei Dank gibt es aber genug kommerzielle Alternativen für Konsumenten, die das Bekannte suchen und sich in der Gesellschaft von 10.000enden Gleichgesinnten prima fühlen. Auch, dass sich junge Europäer in Haldern kennen und verstehen lernen, wird immer wichtiger für das Klima in unserer Grenzregion.

Musicscan: Du warst ja lange Jahre verantwortlicher Redakteur und Mitherausgeber der Westzeit. Was faszinierte dich am Schreiben über Musik und Kunst ganz generell? Besteht diese Faszination nach wie vor?

Haldern Pop Festival: Linne: Wenn man seit den späten Sechzigern vier Dekaden lang die Chance hatte ‚jung’ zu sein, dann hat man einiges gehört und gesehen. Von der Begeisterung für die meisten neuen Künstler lässt man sich dann nicht mehr so schnell anstecken. Ich war aber immer ein großer Freund des Interviews als fairste journalistische Form. Allerdings habe ich immer gerne vermieden, explizit über Musik zu sprechen. Wer das Thema indes umkreist, erschließt viel wertvollere Informationen über die kulturelle Entwicklung als ein Musikjournalist mit Tunnelblick. Die meisten Interviews könnte man doch universell wiederverwerten, indem man nur die Namen austauscht.

Musicscan: Was ist für die weitere Zukunft des Haldern Pop geplant?

Haldern Pop Festival: Stefan: Unsere Zukunft sehen wir in den nachwachsenden ‚Pop Blagen’, in einer Stiftung und in der Zusammenführung und Weitergabe unseres angesammelten Wissens an die kommenden Generationen. Die Haldern Pop-Idee re-investiert ihre Mittel in ganzjährige Projekte wie der Bar, das Label, das Medium Haldern Pop als fester, zwar subjektiver Koordinate, die aber immer frei von wirtschaftlicher oder politischer Abhängigkeit agieren soll. Wir genießen und Unternehmen Musik und aus diesem Antrieb heraus entwickeln wir auch Wirtschaft und Verantwortung für den Ort und die Region, in der wir leben. Unser Modell ist vielleicht auch wieder die Zusammenführung von Vertrauen und Wirtschaftlichkeit in einem kleinen aber funktionierenden Rahmen, eine kompatible Variante von Regionalität und Internationalität. Als ganzjährige Anlaufstelle gibt die Bar Musikern aus aller Welt die Möglichkeit, für ein aufmerksames Publikum zu spielen und wir bieten Ihnen Unterkunft, Verpflegung und Interesse an ihrer Kunst. Es ist schlicht und ergreifend ein Gefühl von Zuhause, ein Gefühl von Sicherheit und Experiment das viele Überraschungen für alle Beteiligten bereithält. Wir nennen das Spannung und Lebensqualität, was durch dieses Festival über die Jahre in unser Dorf gespült wurde, und speichern dieses positive und konstruktive Gefühl.

 
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