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Edge – Documentary

Storie von: arne, am 15.06.2010 ]

Mit „EDGE – Perspectives On Drug Free Culture“ haben die beiden deutschen Soziologen und Filmemacher Marc Pierschel und Michael Kirchner eine sehenswerte Dokumentation über eine Sub-Kultur des Punks/Hardcores produziert, die das Leben vieler Musiker, Hörer und Menschen bis heute nachhaltig prägt. Nachdem der Streifen weltweit in ausgewählten Off-Kinos und Jugendzentren zu sehen war, gibt es nun auch eine DVD.

 
Zu den Fakten: Pierschel und Kirchner beschäftigen sich zunächst mit den Anfängen und wesentlichen Protagonisten und Katalysatoren des Straight Edge innerhalb der Punk- und Hardcore-Szene. Mit Ian MacKaye (Minor Threat, Embrace, The Evens, Discord Records), Ray Cappo (Youth Of Today, Shelter, Better Than A Thousand, Revelation und Supersoul Records), Karl Buechner (Earth Crisis, Freya, Path Of Resistance) und Kent McClard (Ebullition Records, Maximum Rock’n’Roll-Schreiber) kommen einige der zentralen Figuren der der ersten, zweiten und dritten sXe-Welle zu Wort. Anschließend wird das Blickfeld um politische und gesellschaftskritische Aspekte wie den Kampf für Menschen-, Tierrechte und Umweltschutz, vegetarische und vegane Ernährungsfragen, „Konsumzwänge“, das gesellschaftlich „verordnete“ Freizeittrinken, die zugrunde liegende Philosophie und Kritik an der „Massenbewegung“ erweitert.

Das deutsche Duo hat seine Dokumentation mit Herzblut und Leidenschaft produziert und versucht, einen allumfassenden Blick auf die (amerikanische) EDGE-Kultur zu gewähren. Mit dem Soziologen und Sub-Kultur-Forscher Ross Haenfler arbeiten sie heraus, dass man durchaus von einem „Movement“ sprechen kann, das über die bloße Musik-Szene hinausgeht. Dennoch ist mit Ausnahme des 14-jährigen High School-Schülers Taylor Clements zum Auftakt jede/r in der Doku mit der Szene groß geworden und in ihr mit den Ideen von Straight Edge in Berührung gekommen. Pierschel und Kirchner sprechen mit Russ Rankin (Good Riddance, Only Crime), Pat Flynn (Have Heart), Eva Hall (Gather), Bull Gervasi (R.A.M.B.O.), Tierschützer Peter Young und Umweltaktivist Priyesh Patel sowie im Bonus-Material u.a. mit dem früheren Vegan Reich-Shouter und dem xCatalysTx-Macher. Weshalb neben den Wegbereitern gerade die hier zu sehenden Personen interviewt wurden, ist nicht bekannt. Vielleicht spielten bestehende Kontakte und Verfügbarkeit eine Rolle.

John Wylie von Morning Again, CIV von den Gorilla Biscuits, Wrench von Ten Yard Fight, Stand&Fight und Resist und Toby Morse von H2O wären in jedem Fall auch interessante und zur Thematik bestens geeignete Gesprächspartner gewesen, die jedoch nicht zu Wort kommen.

Dass Straight Edge ein weltweites Phänomen ist, wird zwar immer wieder genannt, doch verfolgt wird dieser Strang in der Doku nicht. Ebenso kommt die Musik ein wenig zu kurz. Lediglich wenige, zeitlich überschaubare Ausschnitte von Minor Threat, Youth Of Today, Freya und Have Heart sind eingebaut. Diesbezüglich hat selbst die Defakto-Persiflage „Edge Of Quarrel“ mehr geboten. Aber gut, der Fokus liegt auf dem gesprochenen Wort, insofern zieht diese "Kritik" nicht. Der Blick der Dokumentation wird bewusst von der Musik genommen und auf den menschlichen Aspekt gerichtet, was Sinn macht, was man das in den Interview-Ausschnitten zu Hörende aufnimmt, wie es gemeint ist, und kritisch reflektiert.


Bricht man die Statements der Gesprächspartner von Pierschel und Kirchner auf einen verbindenden Kern herunter, bleibt stehen, dass Straight Edge eine persönliche Einstellung zum Leben und den eigenen Taten ist. Lebt bewusst! Seid kreativ! Setzt eure Träume in die Tat um! Bleibt spontan und aufgeschlossen! Blickt auch über den Tellerrand hinaus und schaut, ob ihr euer Umfeld zu einem besseren Lebensraum machen könnt! Denkt nicht nur an euch! Versucht Anderen zu helfen! Ian MacKaye hat mit dem Minor Threat-Song ,Straight Edge‘ kein Dogma und keine verbindlichen Regeln aufgestellt. Er hat lediglich seiner eigenen Einstellung Ausdruck verliehen, für seine Taten Verantwortung zu übernehmen und die ihm zur Verfügung stehende Zeit mit klaren Gedanken für sinnvolle Dinge zu nutzen. Es geht um eine reflektierte Sicht auf die eigene Umwelt und darum, bewusst zu leben. Ray Cappo, Karl Buechner und die Anderen teilen diese Einstellung, auch wenn sie andere Worte wählen.

In dieser Beziehung greift selbst der Subtitel von „EDGE“ zu kurz. Es geht nicht allein um „Perspectives On Drug Free Culture“. In ihrer Systematik zeigen es die beiden Deutschen ja selbst: Die zugrunde liegende Philosophie ist zumindest dreigeteilt: „(No) Drugs“, „All Ages“ und „Spirituality“. Interessant ist es, zu erfahren, dass die einstigen Wegbereiter mit dem nötigen Abstand und Alter, und teilweise erst nach ihrem Ausscheiden aus „der Szene“, zu einem wirklich ausbalancierten, bewussten und erfüllten Leben gefunden haben. Mehrfach fällt der Ausspruch, dass Straight Edge die persönliche Sicht auf die Dinge auf ewig verändert, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat. Das stimmt, sofern man nicht nur aufgrund eines Gruppenzwangs oder anderer „falscher Gründe“ dabei ist. Auch in diesem Punkt sind sich MacKaye, Cappo und Buechner einig. Straight Edge richtet den Blick nach innen und hilft dabei, mit dem Leben klar zu kommen. Was andere tun und für ihre Leben als richtig und erstrebenswert erachten, spielt keine Rolle. Es geht darum, mit sich selbst im Reinen zu sein und „Regeln“ für das eigene Leben aufzustellen. Wie diese ausgestaltet sind, ist so unterschiedlich wie es die individuellen Vorgeschichten sind.

„EDGE – Perspectives On Drug Free Culture“ ist eine lohnende Dokumentation für all diejenigen, die im Punk und Hardcore unterwegs oder aufgewachsen,mit Straight Edge in Berührung gekommen sind und daran glauben, dass es nicht allein um die Musik geht. Vielleicht wird es in der Zukunft ja auch noch eine Fortsetzung geben, die sich mit der Entwicklung der europäischen sXe-Szene befasst oder den aktuell schweren Stand von Straight Edge in der heutigen Jugend thematisiert?! Ausreichend Material und Gesprächspartner gäbe es dafür in jedem Fall.

Randnotiz: Die Sprache der Dokumentation ist (natürlich) englisch, doch es lassen sich Subtitel einblenden.

 
 Links:
  theedgeprojectmovie.com
 
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