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Heaven Shall Burn

Storie von: arne, am 16.05.2010 ]

HEAVEN SHALL BURN veröffentlichen mit „Invictus“ ihr neues Album, mit dem sie zugleich den „Iconoclast-Zyklus“ beschließen. Das Quintett aus Thüringen führt einen ausbalancierten Mix aus melodisch-aggressivem Metal(Core) – der Angriffslust und brachiales Rollen stimmig miteinander kombiniert – und experimenteller Tendenzen – die für positive Überraschungen und eine Vertiefung des Sounds sorgen – ins Feld und zementiert seine Ausnahmestellung im deutschen Metal.

 
Am Tag des Gesprächs mit Maik Weichert erschien „Addicted To Metal“, die neue Scheibe von Kissin’ Dynamite, die im Morgenmagazin von ARD und ZDF mit einem Kurzbericht gefeatured wurde. Trotz True Metal zur frühen Stunde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sieht der HSB-Gitarrist den Metal nicht in der Breite angekommen: „Das habe ich auch gesehen und mich gewundert. Wenn in solchen Formaten über Metal berichtet wird, werden jedoch nur Klischees bedient. Nicht umsonst haben sie etwas über Kissin' Dynamite gemacht. Das ist so ähnlich, wie wenn Manowar bei Stefan Raab sitzen. Man zeigt den Leuten nur das, was sie erwarten. Barney von Napalm Death lädt niemand auf seine Couch ein, dabei könnte man ihm viel interessantere Antworten entlocken. Mittlerweile weiß ich ja, wie die Promotion-Mühlen laufen. Das nun gerade Kissin' Dynamite hervorgehoben werden, ist eine kleine Überraschung, aber die Art und Weise, wie sie als stereotype Metaller dargestellt wurden, war typisch.“ Und doch ist Metal dieser Tage präsenter denn je. Das Visions stellte seine April-Ausgabe sogar unter das Motto „Der neue Metal“ und gab Gruppen wie Baroness, The Sword, Mastodon, Dioramic und Torche eine für das Heft unerwartet breite Plattform. Andere Medien erkennen in Deathcore-Kapellen wie Bring Me The Horizon oder Suicide Silence eine neue Metal-Generation: „Ich würde das alles nicht als neuen Metal bezeichnen,“ äußert sich Maik. „Metal definiert sich für mich darüber, das er bestimmte Traditionen verfolgt und sich immer wieder neu erfindet. Was Suicide Silence und ähnliche Gruppen spielen, steht für eine extreme Spielart, aber die Musik an sich ist nicht wirklich neu. Wenn man lange genug dabei ist, fallen einem genug Death Metal-Bands ein, die etwas Ähnliches lange vor ihnen gespielt haben. Als Paradebeispiel können Suffocation gelten, die erst jetzt ansatzweise den Erfolg einheimsen, den sie schon immer verdient haben. Was Suicide Silence spielen ist kein neuer Metal. Ich würde es eher als neue Einstellung zum Metal bezeichnen. Die Leute in den genannten Bands sehen anders aus und ihre Motive sind andere. Die Musik ist aber nach wie vor dieselbe. Schau dir Darkthrone an. Früher, in den 80er Jahren, war das Punk Rock. Heute spricht man von Black Metal. Dafür gibt es zunehmend mehr Black Metal-Bands, die zum Rock’n’Roll finden und nun so klingen wie das, was Motörhead schon vor Jahren gemacht haben.“ Als Beleg für die vom HEAVEN SHALL BURN-Gitarristen angeführte Position kann der Suicide Silence-Zipper mit dem Rückendruck „Bring Back The Headbang“ angeführt werden: „Den finde ich cool, und das ist wirklich so ein Metal-Traditions-Ding und ein Statement, das zeigt, das die ganzen Kids, die von den True Metallern verabscheut werden, eigentlich ganz nah an der eigentlichen Sache dran sind. Da schließt sich der Kreis. Liar hatten frühen auch einen Pullover mit der Aufschrift „Death To False Metal“. Das geht in dieselbe Richtung.“

Neu sind indes die Tendenzen unter den Fans, sich großflächig zu tätowieren und schon in jungen Jahren nicht einmal vor Handrücken und Hälsen halt zu machen; diesbezüglich den Musikern aktuell angesagter Bands nachzueifern: „Das ist halt eine Mode-Erscheinung. Tattoos müssen scheinbar immer extremer werden. Um seine Eltern noch zu erschrecken, muss man sich schon bis zum Stehkragen tätowieren. Früher war das bei den New York-Hardcore-Kids doch aber auch nicht anders. Harley Flanagan von den Cro-Mags wollte sein Umfeld bestimmt auch damit schocken, dass er sich zuerst die Unter- und dann die Oberarme tätowiert hat. Damals war das noch nicht verbreitet. Ich will das alles nicht verharmlosen und finde es teilweise schon extrem, was ich bei den Jugendlichen auf den Konzerten sehe, doch so negativ finde ich es dann doch nicht. Tattoos sind heute gesellschaftlich akzeptiert und so normal wie lange Haare oder eine Elvis-Tolle. Vielleicht wird man noch schräg angeschaut, aber auf jeden Fall nicht ausgestoßen.“ Das trifft wohl zu, doch die Fans der Hardcore-verwandten Spielarten wachsen irgendwann aus der Szene heraus, gilt Hardcore doch gemeinhin als Spielart der Jugend: „Wenn man sich Bands wie Agnostic Front oder Sick Of It All anschaut, kann man nicht sagen, dass die aus dem Hardcore heraus gewachsen sind, doch es gibt nur wenige Beispiele, das stimmt,“ bestätigt der HEAVEN SHALL BURN-Musiker. „Hardcore ist eng mit Idealen verbunden, die viele Leute beim Erwachsenwerden verlieren oder sich irgendwann einfach nicht mehr für sie interessieren. Wenn ich gerne feiere und Bier trinke, kann ich das mit 16 Jahren genauso tun wie mit 36. Ob ich mir neben meinen persönlichen Problemen aber auch Gedanken um das Wohl der Welt mache, ist eine andere Sache. Mit 17-18 denkt man, man hat verstanden, wie die Welt läuft und was man ändern muss, um aus ihr einen besseren Ort zu machen. Das will man in die Welt hinausposaunen und es mit anderen teilen. Mit 36 sagt man dann: Moment, da müssen wir doch einige Kompromisse machen, lasst mich in Ruhe, ich habe genug mit mir selbst zu tun. Das ist zwar traurig, doch es geht vielen Leuten so und ist ja auch verständlich.“

Wider die Ignoranz

HEAVEN SHALL BURN halten ihren Idealen und der sozial-kritischen Aufstellung auch auf „Invictus“ die Treue. Das beginnt schon beim Opener ,The Omen’: „In Gesprächen und Interviews kommen immer wieder Leute auf uns zu und fragen, ob wir tatsächlich daran glauben, dass die Welt noch zu retten ist. Das regt mich richtig auf, denn das ist einfach nur ignorant, wenn es jemand hier in Europa fragt. Mindestens ein Drittel der Weltbevölkerung sitzt auf einem Dreckhaufen und besitzt kaum mehr, als es am Leib trägt; weiß nicht, was es seinen Kindern am nächsten Tag zu essen geben soll. Wenn ich die fragen würde, ob die Welt noch zu retten ist, würde man mich verständnislos anschauen und erwidern, dass die Welt schon lange untergegangen sei. Dieses arrogante und ignorante Denken vieler Europäer ärgert mich. Deshalb habe ich es mit ,The Omen’ thematisiert. Es ist aber keine Parole, die dazu auffordert, gleich mit Veränderungen loszulegen. Zunächst einmal muss man die Augen öffnen und sehen, was in der Welt wirklich los ist. Die 50 Cent für H-Milch bei Aldi bilden nicht die Realit


ät ab, die außerhalb unser behüteten Grenzen stattfindet. Natürlich weiß jeder, dass er nichts alleine verändern kann, doch frei nach den Spontis halte ich es mit „Wer nicht kämpft, der hat schon verloren.“ Man kann die Welt nicht einfach im Stich lassen und unbeteiligt weiter machen wie bisher.“ Das unmittelbar folgende Stück ,Combat’ liegt Maik ebenfalls sehr am Herzen: „Darin geht es um das Schicksal von Kindersoldaten. Das Thema hat mich stark mitgenommen. Weltweit sind um die 250.000 bis 300.000 Kindersoldaten im Einsatz. Seit 1990 sind mehr als zwei Millionen Kinder in bewaffneten Konflikten ums Leben gekommen, sechs Millionen sind Invaliden und zehn Millionen Kinder haben bleibende psychische Schäden erlitten. Das sind die Zahlen, die man im Internet findet, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt. Hat man die Wut und Ohnmacht, das Leid und die Verzweiflung der Kindersoldaten im Hinterkopf und hört ,Combat’, versteht man den Song vielleicht noch ein bisschen besser.“

Im Vorfeld des Gespräches standen mit ,The Omen’ und ,Buried in Forgotten Grounds’ lediglich zwei neue Songs zur Begutachtung bereit. Deshalb musste Maik die Anlage des übrigen „Invictus“ mit Worten umreißen: „Die beiden Songs habe ich gar nicht ausgesucht. Ich tue mich ohnehin schwer damit, einzelne Stücke hervor zu heben. Auf der Platte finden sich einige Songs, die schon ziemlich was Neues sind. Das gilt allerdings nicht für die beiden, die du gehört hast, die eher Tracks sind, wie man sie von uns kennt. ,The Omen’ ist schon ein fetter Song, ein typischer HEAVEN SHALL BURN-Opener. Und ,Buried In Forgotten Grounds’ geht auch in die Richtung, die die Fans von uns haben wollen. Man muss die Platte dieses Mal auf jeden Fall in der Zusammenschau betrachten. Hört man nur einzelne Songs wie ,The Omen’, denkt man: „Ja cool, verglichen mit ,Endzeit’ oder ,The Weapon They Fear’ ist es zwar gleichwertig, aber nicht wirklich was Besonderes.“ Hätten wir hingegen vom Typ her gänzlich andere Stücke rübergeschoben, hättest du gedacht: „Großer Gott, was soll das denn jetzt sein.“ Es ist wirklich wichtig, alle Songs zu hören. Repräsentative Tracks heraus zu picken, geht im Grunde nicht.“ Neben einem Gastauftritt von Sabine Weniger von Deadlock und dem Therapy?-Cover ,Nowhere’ sind die Thüringer für so manche Überraschung gut: „Auf „Iconoclast“ haben wir ja schon ein wenig angedeutet, dass wir kleinere Sachen ausprobieren wollen,“ skizziert Maik weiter. „Da gab es einen kleinen Dance-Beat und Ähnliches. Das haben wir auf „Invictus“ weiter ausgebaut, so dass es unter den Gitarren elektronischer groovt und noch satter stampft, ohne an Brutalität zu verlieren. Attack Attack-mäßig wollen wir ja nicht unterwegs sein. Dennoch ist mehr Elektronik eingeflossen, wobei sie jeweils mit harten Vocals und brutalen Gitarren gepaart ist. Party-tauglich sind wir jedenfalls nicht.“ Die von den beiden HEAVEN SHALL BURN-Gitarristen produzierte Platte ist in den Antfarm Studios eingespielt worden, wo sie anschließend von Tue Madsen gemixt und gemastert wurde: „Ich sehe keine deutliche Steigerung zu den Vorgängern, aber ich nehme schon eine Entwicklung wahr. Es gefällt mir jetzt einfach noch ein bisschen besser. Das neue Album ist noch näher an meiner Vorstellung des Ideal-Sounds dran. Es gibt viele Bands und Platten, deren Sound man absolut geil findet. Das nächste Album muss immer mindestens genauso gut klingen, eigentlich besser. Vor dem Tag, an dem uns das nicht mehr gelingt, habe ich Angst. Noch ist er aber nicht in Sicht, und wir versuchen ja immer auch, etwas Neues zu machen. Wichtig ist uns nur, dass HEAVEN SHALL BURN erkennbar sind. Deine Freundin kauft sich hin und wieder sicherlich neue Klamotten und du erkennst sie hinterher trotzdem wieder.“

Ab in die Playlist

Das Thüringer Quintett wird von zahllosen Hörern unterschiedlichster Vorlieben wieder erkannt und gemocht. In Zeiten von myspace-Playlisten finden sich einzelne Stücke sogar bei Leuten, bei denen man sie niemals vermuten würde: „Um an unsere Message zu kommen, ist es sicherlich zu wenig, nur einzelne Songs zu hören. Doch um erst einmal Zugang zu uns zu finden, ist es ein cooler Weg, Seelen mit ausgewählten Tracks zu fischen. Wir hoffen natürlich, dass sich die Leute dann irgendwann auch mit unserer Message befassen und nicht nur die Musik mögen. Es stimmt schon, dass Playlists heute zunehmend eine Rolle spielen, und Kids nur ausgewählte Songs einer Band geil finden. Das ist aber nicht schlimm. Unsere experimentellen Stücke finden ganz andere Hörer cool, als der normale Death Metaller. Wir bieten Ansatzpunkte für unterschiedliche Hörergruppen. Wir sind weder eine MetalCore- oder Melodic Death- noch eine Grindcore-Band. Wir haben aber von vielen Richtungen Songs dabei, die man gut finden und in seine Playlist stecken kann. Früher musste man sich die ganze Platte einer Band kaufen, wenn man einzelne Stücke gut fand. Heute ist das nicht mehr so und man kann wählen, was man will. Da trifft es sich gut, dass ich ohnehin jeden Song so zu machen versuche, dass er für sich stehen kann. Ich würde alle Songs gerne nebeneinander und nicht hintereinander stellen. Es ist schade, dass Stücke mit den Nummern acht oder neun auf einem Album nicht so beachtet werden wie die vorderen.“ Ihre Platten sind HEAVEN SHALL BURN wichtig, doch die „Wahrheit liegt auf der Bühne“, wie man gemeinhin sagt. Die Musiker steuern ihre Live-Aktivitäten aus guten Gründen selbst: „Wenn man die Entscheidungen selbst trifft, hat man einen besseren Überblick über alles, was ansteht. Wir limitieren uns teilweise bewusst. Wenn wir es wollten, könnten wir jedes Wochenende irgendwo spielen. Das geht aber nicht, weil uns unsere Familien und Freundinnen auch sehen wollen und die Jobs ebenfalls Zeit fordern. Da kann man nebenher nicht immer und überall unterwegs sein. Wir teilen uns unsere Kräfte ein, und manchmal ist es auch cool, an einem Wochenende nicht weg zu müssen, um eine Show zu spielen. Das sichert uns den Spaß an der Sache. Diese Bandpolitik werden wir auch weiter fahren.“ In Support von „Invictus“ ist vorerst keine Club-Tour geplant. Dafür werden HEAVEN SHALL BURN jedoch die einschlägigen Sommer-Festivals spielen. Dort heisst es dann Flagge zeigen!

 
 Links:
  myspace.com/officialheavenshallburn
 
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