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Sick Of It All

Storie von: arne, am 22.04.2010 ]

SICK OF IT ALL - Der Bandname gilt in der Szene als Gütesiegel für spritzigen, auf den Punkt gebrachten Hardcore New Yorker Prägung. Mehr als zwanzig Jahre nach seiner Gründung wirbelt das Quartett um Fronter Lou Koller auf „Based On A True Story“ kein Stück weniger aggressiv und leidenschaftlich. Vielmehr sind die Musiker vom Big Apple ein Paradebeispiel dafür, dass man seinen Sound nicht verändern sollte, wenn man als Band erst einmal die perfekte Mixtur für sich gefunden hat.

 
„Die Musik von SICK OF IT ALL ist von jeher das Spiegelbild der uns inne wohnenden Frustration gewesen, die sich ihren Weg nach draußen sucht,“ rekapituliert Schlagzeuger Armand. „Wir unterscheiden uns in dieser Hinsicht nicht von den Leuten um uns herum. Der Unterschied ist, dass wir unsere Wut in die Welt hinaus schreien und unseren Lebensunterhalt von der Musik bestreiten. Dabei ist es glücklicherweise egal, wie aggressiv und laut wir auftreten. Wir können richtig Dampf ablassen und fühlen uns anschließend besser. Das Wissen, das wir auf treue Fans bauen können, denen unsere Songs im Alltag weiterhelfen, macht die Sache gleich noch besser.“ Kommen die nötige professionelle Einstellung und ausreichend Kreativität bzw. stimmige Routine dazu, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. „Based On A True Story“ beweist es. Die New Yorker legen ein für sie typisches Album vor, das wiederum alle Qualitäten im Überfluss mitbringt, für die SICK OF IT ALL bekannt und beliebt sind:

„Auf der neuen Platte gibt es viele straighte Stücke in dem Stil, der uns liegt,“ fasst es Armand. „Wir haben Spaß daran, simple, effektive Tracks zu schreiben, die die Fans mit ihrer Leidenschaft und Härte mitreißen. Das ist eine unserer Stärken. Daneben mixen wir in unseren Songs aber auch Elemente aus dem Metal, Punk, Oi und Hardcore bunt durcheinander, so lange es im Ergebnis stimmig klingt und zu uns passt. Wir haben uns bis heute eine offene Einstellung bewahrt und schätzen die Abwechslung. Über die Jahre sind wir bessere Songwriter geworden, so dass sich unsere Alben heute flüssiger entwickeln und wir bewusst mit Grooves und Variation arbeiten können. An der Arbeit im Studio finden wir heute sogar zunehmend Gefallen. Zu viele unserer Platten sind hektisch und in aller Eile entstanden. Das spontane Moment gibt es bei uns aber nach wie vor. Songs sind häufig erst dann fertig, wenn sie aufgenommen werden sollen und entpuppen sich später als die Favoriten der Fans.“

Reduzierter Old School-Hardcore mit übersichtlicher Metal-Kante paart sich auf „Based On A True Story“ mit ordentlich viel Druck und jugendlicher Spritzigkeit bzw. Ungeduld in einer satten Produktion. SICK OF IT ALL setzen sich authentisch vom Gros der jungen Kapellen ab, die allein mit schönen Sounds und Attitüde zu punkten versuchen: „Als Hardcore-Band hat man ja auch Ansprüche an die eigenen Fähigkeiten und den Sound seiner Platten. Was mich in den letzten Jahren jedoch enorm stört, sind Bands, die von außen in die Szene stoßen und für sich sogleich einen Rockstar-Status beanspruchen, ohne etwas dafür getan zu haben. Wenige Touren und durchschnittliche Alben rechtfertigen es jedenfalls nicht. Als wir die Band starteten, war sie unsere Plattform, um uns abzureagieren. Wir hatten keine Pläne, von ihr zu leben. Was sich mit den Jahren entwickelt hat, kam überraschend und hat sich langsam aufgebaut. Viele der neuen Bands schmücken sich


von Beginn an mit Federn, die ihnen nicht zustehen. Das ist zumindest fragwürdig. Wir sind so etwas wie der Gegenentwurf, sind uns und dem Publikum gegenüber jederzeit aufrichtig und ehrlich gewesen. Das ist einer der Gründe für unsere Langlebigkeit. Die Leute schätzen unsere Verlässlichkeit und Konstanz. Über den heute besseren Sound freuen sie sich, so wie wir es auch tun.“

Die Entwicklungen in der Hardcore-Szene und im Feld der Underground-Musik allgemein sieht der SICK OF IT ALL-Schlagzeuger kritisch: „Ich habe festgestellt, dass der so genannte Underground weitaus fragiler ist, als man gemeinhin denkt. Musik, die früher von Außenseitern gespielt und gehört wurde, ist heute Teil der Pop-Kultur. Medien und Berichterstattung haben breite Hörerschaften davon überzeugt, dass man aggressive Musik hören kann, ohne als abnormal gesehen zu werden. Gegen den Mainstream und die breite Masse zu kämpfen, ist früher der halbe Spaß gewesen und muss meines Erachtens nach ein wesentlicher Bestandteil jeder Underground-Szene sein. Bands und Fans müssen aufpassen, sich den global operierenden Firmen nicht auszuliefern, denn sie sind für viele der Unzulänglichkeiten verantwortlich, gegen die wir uns auflehnen. Was mich einst zum Hardcore gebracht und nachhaltig beeindruckt hat, war die Erfahrung, mit meinen Problemen nicht allein zu sein und in der Gemeinschaft Kraft und neue Motivation zu finden. Das gibt es in dieser Form heute kaum mehr. Für die folgenden Generationen ist mir Angst und Bange.“

Einen möglichen Ansatz, die Situation in den USA wieder zum Besseren zu wenden, sieht Armand in der Rückbesinnung auf Ideale der Vergangenheit: „Das eigenbestimmte Moment muss wieder stärker ins Bewusstsein von Musikern und Hörern rücken. Vielleicht lässt sich ausgehend von einer DIY-Ethik eine neue Hardcore-Szene in den Staaten schaffen, die sich an die Ursprünge des Hardcore erinnert und wieder vermehrt auf Inhalte und Authentizität setzt. Europa ist eine andere Sache, denn dort ist die Welt noch halbwegs in Ordnung. Das Publikum ist bunt durchmischt, kleine Bands werden unterstützt und jeder bekommt seine Chance, wenn er darum kämpft. Man hat den Respekt voreinander, der in den Staaten nicht mehr selbstverständlich ist. Gewalt und menschliche Dummheit haben den Hardcore bei uns in Verruf gebracht, so dass viele Veranstalter die Finger von ihm lassen. Das muss sich wieder ändern, wie auch die Beachtung der ganzen Dummschwätzer im Internet, denen viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Gleichzeitig müssen die Leute überall in der Welt den Wert von Musik wieder schätzen lernen und begreifen, dass auch irgendwer Platten kaufen muss. Es ist zunehmend schwer, seinen Lebensunterhalt von einer Band zu bestreiten, weil man keine Platten mehr verkauft. Es kostet aber auch Geld, zu touren. Das Benzin für den Tank kann man beispielsweise nicht kostenlos downloaden. Denkt mal darüber nach.“

 
 Links:
  myspace.com/sickofitallny
 
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